Hinsehen. Von Max Winters Sozialreportage zur künstlerischen Demontage fotografischer Objektivität
Der Historiker Fritz Kallinger beleuchtet in der Wandzeitung #61 die Entstehung der Sozialreportage im frühen 20. Jahrhundert in Wien und ihre zentrale Rolle für die Entwicklung eines kritischen, unabhängigen Journalismus. Die Wandzeitung #61 wirft einen Blick ins frühe 20. Jahrhundert und verbindet diesen mit heutigen Fragen medialer Glaubwürdigkeit. Kallinger zeigt, wie journalistische Pioniere wie Max Winter durch systematische Dokumentation sozialer Missstände den Journalismus als gesellschaftliche Kontrollinstanz etablierten. Aufnahmen von Larry Sultan und Mike Mandel aus ihrem einflussreichen Fotobuch „Evidence“ (1977) werfen Fragen zum Wahrheitsgehalt visueller Informationen und dokumentarischer Beweise auf.
Das Kunstprojekt Evidence ist ein Meilenstein der konzeptuellen Kunst und der Appropriation Art. Evidence hinterfragt das Verständnis von Objektivität, indem es scheinbar neutrale Dokumentarfotografien aus institutionellen Archiven aus ihrem Kontext löst und so ihre Mehrdeutigkeit offenlegt. In der Gegenwart von digitaler Bildbearbeitung, KI und Desinformation erweist sich Evidence als hochaktuell: Es macht deutlich, dass Bilder keine eindeutigen Beweise mehr sind, sondern kritisch gelesen und hinterfragt werden müssen.

