Zurück
Temporär

AU... EIN PLATZ WIRD NEU VERHANDELT Kulturdrogerie

AU... EIN PLATZ WIRD NEU VERHANDELT

Wie kann gemeinschaftliches Tun in gesellschaftliches Handeln umgewandelt werden? Überlegungen von Ursula Maria Probst basierend auf Gesprächen mit Markus Hiesleitner und Franz Tišek

„Bisher sind die Reaktionen sehr positiv!“
„Viele denken, wir sind Stadtgärtner, doch jetzt muss der Auwalddschungel noch wachsen und grüner werden“. Gemeinsam mit Franz Tišek betreibt Markus Hiesleitner die Kulturdrogerie in der Gentzgasse, die diesen Sommer mit dem Projekt „AU .… ein Platz wird neu verhandelt“ wenige hundert Meter entfernt am Aumannplatz und im Norbert-Liebermann-Park ihren Wirkungsradius zur Agenda Klimafürsorge erweitert. „Menschen, für die unsere Bepflanzung des Aumannplatzes zunächst den Eindruck eines Guerilla Gardenings erweckt hat, bedanken sich bei uns.“

Urbanen Raum in seinen Möglichkeiten und Utopien denken!
AU.… ein Platz wird neu verhandelt“ ist ein prozesshafter und transformationsorientierter Versuch einen urbanen Raum in Wien-Währing mit seinen Möglichkeiten und Utopien zu denken: Was wäre wenn am Aumannplatz kein Kreisverkehr wäre? Was wäre wenn wir in einer autofreien Stadt leben würden? Wer gestaltet urbanen Raum? Wie kann durch künstlerische Projekte und Bürger*innenbeteiligung ein Recht auf Stadt und Klimafürsorge artikuliert werden? Wie kann gemeinschaftliches Tun in gesellschaftliches Handeln umgewandelt werden? Wieviel Raum, Zeit, zivilgesellschaftliches Engagement und Erfahrungsaustausch braucht es dafür? Wie kann es gelingen, die so entstandenen Dynamiken, Beziehungen und Bedürfnisse des Ortes ökologisch zukunftsgewandt weiter zu entwickeln? Welche Gestaltungsqualitäten, Interaktionsqualitäten oder Inklusionsqualitäten können daraus resultieren? Das von der Kulturdrogerie in Kooperation mit der Gebietsbetreuung Stadterneuerung initiierte und von KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien unterstützte künstlerische Projekt erprobt mittels künstlerischen, partizipatorischen und performativen Interventionen, Nachbarschaftsprojekten und Bürger*innenforen, wie praktikable Impulse für eine lebenswerte Zukunft gesetzt werden können.

Als Treffpunkt gelangt ein mobiles Camp zum Einsatz!
Die künstlerischen Beiträge sollen zum Diskurs für die Umgestaltung des Aumannplatzes von einer verkehrsintensiven Zone zu einer Grünoase beitragen und dem Projekt „Forum Aumannplatz“ Sichtbarkeit geben, so lautet das Vorhaben. Gestartet wird unter Einbeziehung so vieler Menschen wie möglich, um die Vielstimmigkeit des Ortes widerzuspiegeln. Im Sinne des von Michael Hardt und Antonio Negri in die politisch philosophische Grammatik eingebrachten Begriffs der „Multitude“ soll sich hier ein Netzwerk entwickeln, welches das Handlungspotential jedes einzelnen in einen kollektiven und/oder gemeinschaftlichen Prozess spannt.

Teilnahme, Teilhabe, Empowerment, Austausch auf Augenhöhe
Prozesse der Teilnahme, der Teilhabe, des Empowerments und des Austausches auf Augenhöhe und eine auf Gemeinwohl ausgerichtete Praxis aus der weitere optionale Gemeinschaften sich entwickeln können, bilden den Ausgangspunkt. Aus heutiger Sicht (Juni 2022) wird das Projekt mehrere Transformationsprozesse durchlaufen, die von den Beteiligten protokollarisch nachgezeichnet werden. Der kooperative Gestaltungsansatz und die experimentelle Methodik eröffnen Möglichkeiten für situatives Eingreifen. Doch wie kann ein Platz, der durch die wachsende Verkehrsbelastung der Stadt vorwiegend als Verkehrsinsel fungiert zu einer Ruheoase für Natur und Mensch werden, wenn ringsum Lärm und Gestank des Autoverkehrs die Umwelt verpesten? Wie lässt sich ein gesundes Ökosystem im Sinne einer umsichtigen Klimafürsorge (die nicht bei Lippenbekenntnissen bleibt, sondern nachhaltig wirkt) implantieren? Welche künstlerischen Mittel stehen dafür zur Verfügung und wie gelingt es, die Nachbarschaften, Bürger*innen, Kulturarbeiter*innen, Künstler*innen und Kommunalpolitiker*innen zur Mitgestaltung und Mitwirkung zu aktivieren? Ausgehend von dem physischen Ort lenken Markus Hiesleitner und Franz Tišek die Aufmerksamkeit auf dringliche Umweltmaßnahmen und Prozesse und versuchen durch Artefakte, Kommunikation und Formen der Interaktion das Potential von Stadtraumqualitäten und künstlerischen Praxisformen zu verknüpfen. Insofern könnten wir von einer Initiative Kulturdrogerie sprechen. Eingeladen werden Künstler*innen und Akteur*innen der Urbanen Praxis. Sie sind aufgefordert zentrale Kriterien und Qualitäten der Situation am Aumannplatz und Norbert-Liebermann-Park herauszuarbeiten. Bereits der Titel "AU.... ein Platz wird neu verhandelt“ gestaltet sich als offene Struktur. Nichts wird vorweggenommen, sondern Teilhabe, die Äußerung eigener Bedürfnisse ist erwünscht. Potentielle Nutzbarkeiten sollen durch ein vielfältiges und niederschwelliges Angebot erschlossen werden. Neue Ideen und Eigeninitiativen sind willkommen. Geschaffen wird ein alternativer Ort der Begegnung, der sich im Gegensatz zu kommerzialisierten Aufenthaltsorten befinden. Charakteristisch für das Projekt ist seine programmatische Freiheit, die Raum für vergemeinschaftende Erlebnisse bietet und aus persönlichen Begegnungen lebt. Themen wie Umweltaktivismus, der in Österreich mit der Aubesetzung in Hainburg 1984 begann und jetzt in der Gegenwart in der Lobau fortgesetzt wird, sollen in dem als Camp gestalteten Diskursforum behandelt werden, ebenso wie die Frage „Wie die Welt von morgen aussehen soll?“. Seit mehr als 50 Jahren verdrängen wir den Klimawandel. Der durch das „AU“ gleichzeitig mitkommunizierte Schmerz bezieht sich auch auf die Frage, wie durch technokratische Vorgaben von Stadtplaner*innen auf ortsspezifische Bedürfnisse nicht eingegangen wird oder wie von Magistratsbehörden und deren zunehmend restriktiven Auflagen zur Nutzung von öffentlichem Raum ambitionierte Projekt verzögert oder verhindert werden. In diesem basisdemokratisch ausgerichteten Projekt gilt es auch dieser Frage Raum zu geben.

Zur Geschichte und Gegenwart von Urbanisierungsprozessen
Der Aumannplatz befindet sich im Zentrum des 18. Bezirks, dessen gründerzeitliche Bebauung das Resultat einer Stadterweiterung im 19. Jahrhundert und vergleichbar mit jener ist, die in den vergangenen Jahren in Wien durch die Seestadt Aspern erfolgte. Im Zuge ihrer Forschungen zur Historie dieses Stadtteils stießen Markus Hiesleitner und Franz Tišek auf ein Phänomen der Urbanisierung von Naturraum (das auch in anderen Bezirken zur Anwendung gelangte) in Form der Einwölbung des Währingerbaches. Dieser entspringt im Pötzleinsdorfer Schlosspark und fließt auf einer Länge von ca. 4 km unterirdisch entlang der Pötzleinsdorfer Straße, der Gersthofer Straße, der Gentzgasse und des Aumannplatzes, von hier fließt er weiter unter der Währingerstraße, trifft dann auf den Alserbach und mündet schließlich im 9. Bezirk in den Donaukanal. In ihrer künstlerischen Intervention auf der Kreisverkehrsinsel reagieren Markus Hiesleitner und Franz Tišek auf die am Aumannplatz lokalisierbare Einwölbung des Währingerbaches. Diese erfolgte 1905, als im Zuge des städtischen Wachstums der Bach der Landgewinnung zur Stadterweiterung weichen musste. Es wurde Platz für die Stadt gemacht. Währing war ein enges Bachtal, das bis zu 6 m aufgeschüttet und begradigt wurde, damit darauf große Häuser gebaut werden konnten. Gab es 1820 noch Fische im Währingerbach, verwandelte er sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer stinkenden Kloake. Waren es damals der Gestank der Kloake, sind es heute andere Faktoren, die zum Handeln und Neudenken zwingen, jene wie die Emissionen des Verkehrs, die Hitze in der Stadt und der Umgang des Menschen mit Ressourcen. Vergleichbar mit den gegenwärtigen ökologischen Nachlässigkeiten war die Einwölbung ein pragmatischer menschlicher Umgang mit Umweltproblemen ohne Überlegungen zu deren Nachhaltigkeit anzustellen, vergleichbar mit dem Vergraben von Müll, der uns derzeit ebenfalls vor ungelöste Probleme stellt. Methanemissionen von Mülldeponien beschleunigen den Klimawandel. Der unterirdische Verlauf des Währingerbaches lässt sich durch die Kanal Wien Online Maps (kanis.at) nachvollziehen. Um den Währingerbach kreisen vielen Mythen und Katastrophenberichte von feuchten Kellern bis zu Überschwemmungen. Viele der hier Wohnenden wissen Geschichten davon zu erzählen.

Renaturalisierte Bachlandschaft
Über einen Verlauf von 15 Metern bilden Hiesleitner/Tišek ein Bachbett aus Kies nach, das sich nur temporär bei Regen füllt. De facto zeigt die renaturalisierte Bachlandschaft auf der Verkehrsinsel dystopische Charakteristiken eines ausgetrockneten Bachlaufes und stellt Bezüge zur weltweit anwachsenden Dürrekatastrophe und die durch Hungersnöte ausgelösten Migrationsströme her. Um das Bachbett herum legen Hiesleitner/Tišek einen wilden Auwald aus Sumpf- und Uferpflanzen an, dessen Wildwuchs im Kontrast zur durchgeplanten Stadtgestaltung steht. Verwendet werden dafür Pflanzen, die bereits in anderen Projekten der Kulturdrogerie, bei dem von Hiesleitner/Tišek organisierten Landartfestival flora pondtemporary in St. Florian oder als Teil der Arbeit „mobile gardening“ (2017) zum Einsatz gelangten. In ihren künstlerischen Aktivitäten am Aumannplatz fließen urbane Praktiken und Erfahrungen aus Projekten im ländlichen Bereich ineinander.

Recycling ausrangierter Verkehrsschilder
Aus entsorgten Verkehrsschildern der MA 28 recyceln Hiesleitner/Tišek Material für ihre Installation über dem Bachbett. Die von ihnen gebogenen Stangen der Verkehrsschilder brechen mit dem Versuch der Nachbildung einer natürlichen Bachlandschaft und verweisen direkt auf den durch den Menschen gesetzten Eingriff der Einwölbung des Währingerbaches. Die aus dem Verkehr ausgeschiedenen Verkehrsschilder stehen für Veränderung und in ihrer verbogenen und verformten Verwendung als Ausdruck einer Verhandlung dessen, was geboten und verboten wird und wer darüber entscheidet. Die Stangen gewinnen durch den Prozess des Biegens an Organizität, lassen an Äste, an Schwemmholz denken. Die darauf sichtbaren Sticker öffnen den narrativen Raum zu ihrer ursprünglichen Verwendung. Das mobile Modul für das Camp als Stützpunkt der Aktivitäten ist ebenfalls aus recycelten Verkehrsschildern in den Dimensionen von 2 x 5 x 2,4 Meter konstruiert. Es sind jene Dimensionen, die ein SUV im Stadtraum einnimmt.

Statement der Solidarität
Gleichzeitig bezieht sich das Camp im Norbert-Lieberman Park in seiner Materialwahl direkt auf das Protestcamp der Lobau Aktivist:innen gegen die Stadtautobahn und den Lobautunnel. Das Camp der Lobau Demonstration gegen die Schnellstraße wurde zu jener Zeit von der Polizei brutal geräumt, als Hiesleitner/Tišek ihr Projekt konzipierten. Der Querbezug steht exemplarisch für Hiesleitner/Tišek Herangehensweise, sich solidarisch zu anderen Klimaaktivist:innen zu verhalten.

Keimzelle urbaner Praktiken
Selbst in unmittelbarer Nachbarschaft zum Aumannplatz in der Gentzgasse 86-88 als KULTURDROGERIE (eine 2005 zu einem Projektraum umgestaltete ehemalige Drogerie) aktiv, haben Markus Hiesleitner und Franz Tišek mehrjährige Erfahrung darin, in situ mit vorgefundenem Material zu arbeiten und vor Ort lebende Menschen in künstlerische Projekte wie „white tube“ (2013) einzubeziehen. Die Kulturdrogerie unterscheidet sich von anderen Artist-run spaces und selbstorganisierten Räumen durch ihre starke Wirkung in den urbanen Raum. Dafür werden direkt vor der Kulturdrogerie seit Jahren in den Sommermonaten Parkplätze genutzt und zur Kunstoase unter dem dringlichen Aspekt dem Klimafürsorge umgestaltet. Eine Kunstform, die unter dem Schlagwort „Urban Practice“ derzeit in aller Munde ist, zählt zu ihren langjährigen Praktiken. In ihrem interventionistischen Habitus bewegen sich Markus Hiesleitner und Franz Tišek in keinem begrenzten Feld, sondern entwickeln in den Übergängen durch inter-, multi-, trans-, micro-, over- und extradisziplinäre Praktiken neue Formen des Tuns und Denkens. Ins Spiel kommen dabei relationale Fragestellungen. Geschaffen wird ein Labor für urbane Praxis. In seiner Komplexität funktioniert „Au….“ als Experimentierfeld für eine Praxis der Transformation eines Platzes und bezieht dabei Aspekte des Soziopolitischen, des Raumkulturellen, des Ökologischen und Pädagogischen ein. Insofern lebt das Projekt aus transversalen Prozessen, die im Zuge der Teilprojekte bereits schrittweise urbane Transformationen auslösen können.

Partizipatorische Projekte von Performancekollektiven, Künstler*innen und Schüler*innen
In der Umsetzung partizipatorischer Projekte kommen Elemente zur Anwendung, die zum Verweilen einladen. Wie zum Beispiel Picknickdecken und Liegestühle, die den Aumannplatz zum Chillen nutzbar machen. Künstler*innen mit unterschiedlichen Zugängen wie der Bildhauer Ernst Koslitsch, das Performancekunstkollektiv Raumarbeiterinnen (Simone Barlian, Theresa Muhl, Sophie Netzer und Kerstin Reyer) aus Linz, die Künstlerinnen Zita Breu und Elisabeth Rössler und der Maler Martin Tardy sind zur Mitwirkung eingeladen sowie die Performancekünstlerin Anne Glassner, die Malerin Nicole Krenn, die sich mit einer Schulklasse aus dem 18. Bezirk an dem Projekt beteiligen wird, und der Konzeptkünstler Hannes Zebedin.

Initiation Bauschau
Über die Kunstinterventionen wird ein für alle offener Kommunikationsraum aktiviert. Wie beispielsweise in der zweistündigen interventionistischen Performance „Bauschau“ von den raumarbeiterinnen - Simone Barlian, Theresa Muhl, Sophie Netzer und Kerstin Reyer anlässlich der Eröffnung des Independent Space Index 2022 am 24.6.2022. In ihrer „Baustellenperformance“ entwickeln sie eine Choreographie der Platzbesetzung. Zur Anwendung gelangen dafür orangefarbene Leitkegeln, wie sie bei Baustellen eingesetzt werden. In ihrer prozesshaften und ortsspezifischen Arbeitsweise reagieren die raumarbeiterinnen direkt auf die Situation vor Ort. Laut Eigendefinition ist die „Bauschau“ ein Format der raumarbeiterinnen, bei welchem sie sich mittels einer performativen und temporären Baustelle einen öffentlichen Ort aneignen. Sie verändern, ergänzen und errichten bauliche Gegebenheiten und gestalten eine Choreographie der Bewegungsabläufe. Qualitäten des Ortes werden hervorgehoben. Dabei gehen sie methodisch affektiv vor, indem sie die entstehenden Sounds der Baustelle in die Performance einfließen lassen.

Autorin: Ursula Maria Probst

Ort

Aumannplatz, 1180 Wien
Norbert-Liebermann-Park, 1180 Wien

Weiterführende Info

Verein Kulturdrogerie – Markus Hiesleitner und Franz Tišek
kulturdrogerie.org


In Kooperation mit der GB* – Gebietsbetreuung Stadterneuerung.

Zurück
Temporär

AU... EIN PLATZ WIRD NEU VERHANDELT Kulturdrogerie

Zeitraum

14. Juni – 4. Oktober 2022

Straßenbahn 40, 41

Termine

Presse

Zu den Unterlagen

Links

Forum Aumannplatz - GB*

Kooperationspartner