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Temporär

DOMESTIC LANDSCAPE 2.0Didier Fiúza Faustino

DOMESTIC LANDSCAPE 2.0

Mit dem Projekt Domestic Landscape 2.0 von Didier Fiúza Faustino transformiert KÖR Wien den Wiener Graben erneut zu einem Ort der Kunst und Begegnung. Die Serie von urbanen Möbeln aus blau lackiertem Stahlrahmen erschließt den öffentlichen Raum für den individuellen Gebrauch. Die raumgreifende Installation entwickelt sich aus dem Raster eines Stuhls, der als Matrix für die räumliche Ausdehnung multipliziert wird. Erweitert um einen Raumteiler und um Tische in zwei Höhen, schafft Faustino mit dieser zwischen Gebrauchsgegenstand und Skulptur changierenden „Möblierung“ einen Innenraum im Außenraum, ein „Zuhause“ in der Stadt. Die serielle Anordnung überführt das häusliche Interieur in einen kollektiven Apparat für die PassantInnen. Der französisch-portugiesische, zwischen Paris und Lissabon lebende Künstler und Architekt lässt die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen. Sein temporäres Projekt bildet die zunehmende Verwischung zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre ab und lädt zum Verweilen und zur Interaktion ein.

Didier Fiúza Faustino arbeitet an der Beziehung zwischen Körper und Raum. Seit seinem Architekturstudium entwickelt er seine individuelle Praxis an der Schnittstelle von Kunst und Architektur. Sein interdisziplinärer Ansatz umfasst Installationen, multisensorische Räume und Gebäude. Seine Projekte zeichnen sich durch ihre kritische Perspektive und ihren freien Umgang mit Codes aus. Es geht Faustino darum, dem individuellen und kollektiven Körper neue räumliche Erfahrungen zu ermöglichen und den öffentlichen Raum für die Menschen zurückzuerobern. Mit seiner subversiven politischen Haltung lädt er uns ein, unsere eigene Position als Subjekt und Bürger zu hinterfragen. Mit Projekten wie Treppenhaus zum Himmel (Castello Branco, 2001) – ebenfalls ein öffentlicher Raum für den individuellen Gebrauch – führt er uns dazu, die Grenzen zwischen Privat und Öffentlichkeit, zwischen Persönlichem und Kollektivem zu überdenken. Faustino hat zahlreiche, u. a. mobile Architekturen für Privatkunden und internationale Veranstaltungen entwickelt. Im Jahr 2009 gründete und kuratierte er die erste Bordeaux Biennale Evento, die der Kunst im öffentlichen Raum gewidmet ist. Didier Fiúza Faustino arbeitet derzeit u. a. an einer eigenen Kunstinstitution in Lissabon und unterrichtet seit 2011 an der AA School in London. Seit September 2015 bringt er das französischen Architektur- und Designmagazins CREE heraus.

Für den Wiener Graben hat Didier Fiúza Faustino eine super strong structure for fragile interaction geschaffen: „Ich habe in den vergangenen Monaten an einem neuen ‚Stuhl‘ gearbeitet, der eine Art Artefakt und Matrix ist. Dieser Sessel wird in meinem Vorschlag als einzelnes Element für den Kunstplatz Graben weiterentwickelt. Der Zweck dieses Stuhls ist es, die Beziehung zwischen dem Körper und dem ‚Anderen‘ in Frage zu stellen. Durch die Arbeit an einer Serie wandelt sich der Stuhl für den individuellen Gebrauch in einen kollektiven Apparat.“

Es geht dem Weltenbürger um die Modifikation, die Wandlung der Situation vor Ort: Ausgehend von der klassischen Raumvorstellung mit ihren Koordinaten Höhe x Breite x Tiefe, wächst eine Struktur in Form eines Stuhls mit gerundeter oder eckiger Lehne, die gleichzeitig Skulptur und Raster für die räumliche Ausdehnung ist. Faustino öffnet die auf René Descartes zurückgehende Raumschachtel in eine zeitgenössische Vorstellung vom Raum als Netz von Beziehungen. Gedachter und konzipierter Raum verbinden sich wie in Henri Lefebvres „Produktion des Raums“ in der Nutzung als sozialem Raum mit dem gebauten Raum der Umgebung. Er schafft mit diesem Misfit („Außenseiter“, „nicht passendes Stück“) ein offenes Angebot, aber auch eine Störung des Gewohnten. Das Interieur im Außenraum scheint zunächst eher irritierend als passend. Auch die Stühle und Tische sind nicht darauf ausgerichtet, ergonomisch und komfortabel zu sein. Der Zustand der Irritation, der Verwirrung herkömmlicher Codes und Zuschreibungen ist aber ein guter Zustand, um sich auf eine neue Erfahrung einlassen zu können. Es geht Faustino um eine echte Verbindung und körperliche Aneignung, um eine Appropriation und ephemere Inbesitznahme des Wiener Grabens. Denn wer besitzt den öffentlichen Raum? Multiple Ansprüche und Begehrlichkeiten überlagern den heute nicht mehr allen zugänglichen, gemeinschaftlich und öffentlich „besessenen“ Raum. Der reale Raum wird durch diverse Besitzverhältnisse, kommerzielle Nutzung und Werbung, aber auch durch den sozial bzw. je nach Kontext differenzierten „Habitus“ geprägt. Durch die Allgegenwärtigkeit des digitalen „Second Life“, des mobil mitgetragenen World Wide Web, wird der Umgebungsraum im Blick auf unsere mobilen Geräte geradezu ausgeblendet.

Der Raum ist ständig in Bewegung und sowohl in der Theorie als auch in der Realität von einem constant flux bestimmt. Aus diesen Überlegungen und der Lust, den Modus dieser Transitzone zu irritieren und den Raum für den individuellen Gebrauch zu okkupieren, schafft Faustino für KÖR Wien einen Platz zum Aufhalten in Form einer massiven Stahlkonstruktion, die sich räumlich auf 12 mal 8 Metern ausfaltet. Das Kunstwerk besteht aus acht Sitzmodulen, komponiert aus zwei unterschiedlichen Stühlen und zwei unterschiedlich hohen Tischen, aus Raumteilern sowie einer Beleuchtung. Die blaue Lackierung bildet einen Kontrast zur Patina von Kupfer und Bronze als omnipräsente Farbigkeit in der historischen Altstadt. Die farbige Leichtigkeit bildet auch einen Kontrapunkt zur Schwere des Materials Stahl. Aus der Multiplikation der Seitenlänge des quadratischen Querschnittes der Formrohre von 9 Zentimeter leiten sich auch die Höhe der Sitzelemente von 45 Zentimeter und die weiteren Größenverhältnisse ab. Faustino greift damit auch die Rasterung der Steinplatten am Boden auf und überführt sie aus ihrer Zweidimensionalität in die Höhe.

Domestic Landscape 2.0 besetzt das Territorium und schafft wieder einen Platz, an dem man sich tatsächlich aufhalten kann. Die temporäre Intervention stellt sich buchstäblich in den Weg, sie unterbricht die Geschäftigkeit des Wiener Grabens und ermöglicht eine „analoge“ Erfahrung, eine soziale Interaktion mit den anderen Benutzern, aber auch mit der Struktur an sich. Wer sich den öffentlichen Raum wieder aneignet und ihn zum eigenen „Zuhause“ macht, folgt auch dem emanzipatorischen Anspruch des Künstlers sich den Raum wieder zu nehmen. Es ist aber keine Revolution im Gange, sondern ein Wandel des Gewohnten und des üblichen linearen Habitus – habit change, no revolution but transmission. Damit folgt Faustino dem Architekten und bildenden Künstler Gordon Matta Clark, dem Meister des Paradigmenwechsels, der um 1970 begann, das Haus als Objekt zu begreifen und als Ganzes zu bearbeiten, indem er die Oberflächen von Abrisshäusern gestaltete, ganze Gebäude spaltete und mit Durchbrüchen öffnete. Das wortwörtliche Durchbrechen künstlerischer und architektonischer Normen, aber auch die Sensibilität für Lichteffekte, Raumwahrnehmung und -entfremdung faszinieren bis heute und prägen auch Didier Fiúza Faustino. Sein Prinzip des Displacement – also Verlagerung und Verrückung – verortet die dem häuslichen Kontext entlehnten Strukturen im öffentlichen Raum neu und verschiebt damit auch das komplexe räumliche und soziale Gefüge vor Ort.

Text: GENOVEVA RÜCKERT
KURATORIN OK
CENTER FOR CONTEMPORARY ART IM OÖ KULTURQUARTIER

Ort

Kunstplatz Graben, Höhe Graben 21, 1010 Wien

Weiterführende Info

Künstler
Didier Fiúza Faustino

*1968 in Chennevières-sur-Marne (FRA), lebt und arbeitet in Paris (FRA) und Lissabon (PRT).
didierfaustino.com

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DOMESTIC LANDSCAPE 2.0Didier Fiúza Faustino

Zeitraum

19. Mai – 1. November 2017

U1, U3 Stephansplatz

Stahl und Lack
8 Module

Termine

Presse

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