Kunst und Ökonomie, Skulptur und Sprache, Politik und Poesie, Analyse und Aktivismus bilden einige der zentralen Spannungsfelder, die Karin Kasböck und Christoph Maria Leitner seit 1998 gemeinsam als Künstlerduo „bankleer“ produktiv machen, um sich nicht primär mit sich selbst, sondern mit dem zunehmend von Polykrisen geprägten Zustand der Welt auseinanderzusetzen, was ein polyästhetisches Vorgehen im Teamwork erfordert. In ihren meist für den öffentlichen Raum entwickelten, oft aufsehenerregenden Arbeiten werden daher die klassischen Genregrenzen ebenso unterlaufen wie die traditionelle Rollenverteilung zwischen Künstler*innen und Publikum zugunsten eines Amalgams, das als „performative Skulptur“ Elemente von Bildhauerei und Bühnenbild, Agitprop- und Straßentheater, Video- und Medienkunst sowie der Pop Art aufweist und dabei Strategien der Avantgarde wie jene des Situationismus oder des Theaters der Unterdrückten mit traditionellen religiösen Praktiken wie Predigten oder Prozessionen verschränkt.
Um ein ebenso komplexes Amalgam aus Theologie und Politik, Kunst und Handwerk, sakraler Symbolik und profaner Propaganda handelt es sich auch bei der marmornen Pestsäule am Graben, die als erste ihrer Art in der Habsburgermonarchie nach Ende der großen Pestepidemie, durch die ein Drittel der Bewohner*innen Wiens starb, zwischen 1687 und 1692 im Zentrum der Hauptstadt unter Beteiligung mehrerer berühmter barocker Meister, darunter maßgeblich Bernhard Fischer von Erlach, errichtet wurde.
Mehr als drei Jahrhunderte später und rund 70 Meter davon entfernt lassen bankleer ihre zeitgenössische Version eines der Hauptbestandteile dieses sehr prominenten Typus einer „Dreifaltigkeitssäule“, die in ihrer Mitte positionierte „Wolkenpyramide“, im Rahmen ihrer temporären Intervention im Stadtraum für sechs Wochen auf dem mittlerweile teuersten Pflaster Wiens in bester Frequenzlage landen. Umgeben von Banken und Luxusgeschäften und den in ihnen perfekt präsentierten Prestigeobjekten handelt es sich dabei um einen grau-weiß bemalten, klumpenartigen, rund vier Meter hohen Körper aus Polymerbeton mit mehreren kleinen runden Öffnungen, was ihm neben seiner amorph-abstrakten auch eine kreatürliche Erscheinung verleiht. Während dieses Gebilde den Großteil der Zeit auf einem niedrigen Sockel ruht, wird es mehrmals pro Woche zu fixen Terminen zum Ausgangspunkt für eine jeweils 20-minütige Performance, bei der eine junge Schauspielerin und ein junger Schauspieler, gekleidet in Kostümen zwischen Ritterrüstung und Sportmontur, beginnen, die Skulptur zu besteigen und zu beklettern und über eine Holztür und eine Dachluke auch ins Innere gelangen können, während sie gleichzeitig miteinander und mit den Passant*innen und dem Publikum in der Umgebung zu interagieren.
In diesem Zwei-Personen-Dialog mit Improvisationscharakter, der den gesamten öffentlichen Raum im Umkreis der Skulptur zur Bühne macht, folgen die beiden Akteur*innen einem von bankleer teils verfassten, teils aus verschiedenen literarischen und philosophischen Quellen, darunter zahlreichen Passagen aus John Miltons 1667 erschienenem epischen Gedicht „Paradise Lost“, kompilierten Text, der scharfe Kapitalismus- und Gesellschaftskritik mit melancholischen Selbstreflexionen und emotionalen Appellen verbindet. Im Laufe des Spiels und der sich entwickelnden Szene, die nicht von ungefähr an den „tollen Menschen“ aus Friedrich Nietzsches berühmtem Aphorismus 125 in der „Fröhlichen Wissenschaft“ erinnert, der „am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: Ich suche Gott! Ich suche Gott!“, ist auf dem Wiener Graben immer wieder der Schlachtruf „Nichts muss so bleiben, wie es ist!“ zu hören als dringlicher Appell, die auch in Nietzsches epochaler Diagnose vom „Tod Gottes“ irrelevant gewordenen Kräfte der traditionellen Religiosität nunmehr zu nutzen, um zu versuchen, die Krisen der Gegenwart gemeinschaftlich und kreativ zu bewältigen, bevor es dafür endgültig zu spät ist.
(Christian Muhr)
Ort
Höhe Graben 21, 1010 Wien
Galerie
Weiterführende Info
Karin Kasböck und Christoph Maria Leitner arbeiten seit 1999 unter dem Namen bankleer als Kunstduo in Berlin.
Zeitraum
21. September bis 3. November 2024
Vermittlung - Veranstaltungen
- Eröffnung Samstag, 21. September 2024 / 16:30
- Performance Donnerstag, 26. September 2024 / 18:00
- Performance Donnerstag, 3. Oktober 2024 / 18:00
- Performance Freitag, 11. Oktober 2024 / 18:00
- Performance Donnerstag, 17. Oktober 2024 / 18:00
- Performance Donnerstag, 24. Oktober 2024 / 18:00
- Performance Donnerstag, 31. Oktober 2024 / 18:00







