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Slip of the TongueAlexandra Bircken

Slip of the Tongue

Das leuchtend rot lackierte Stück Metall sieht fremd aus. Und gleichzeitig unheimlich vertraut. Es dauert, bis man diese gewaltige, sanft geschwungene, weich auslaufende Form erfasst. Als Zunge. Dabei folgt sie der Natur. Ein kräftiger Muskel, der sich spaltet, wie ein Bizeps sich wölbt. Dass mittendrin noch ein spiegelndes Piercing sitzt, hilft beim Wiedererkennen dieses Körperteils, den man, aus seinem Zusammenhang gelöst, nicht sofort zuordnen kann. Die Zunge, dieses halb verborgene Organ, bleibt einem fern.

Zudem ist diese Zunge gewaltig, mehr als zwei Meter hoch ist der Aluminiumguss, der auch noch auf einem Sockel ruht. Herausgetrennt aus allem, was dem Erinnern helfen könnte: Gesicht, Lippen, Wangenknochen, die sie stützen und halten und einrahmen könnten. Welche Zungen sieht man sonst schon? Eine rosafarbene Welle im Mund des Gegenübers, eine kleine rote Spitze, die herausgestreckt ‒ „gezeigt“ ‒ wird, sich aufbäumt, wenn jemand laut wird, beim Essen kurz zwischen den Lippen hervorschießt. Aber immer bleibt die Zunge, fest verwachsen in der Mundhöhle, nur teilweise sichtbar.

Doch macht Alexandra Bircken mehr, als nur die Zunge zu zeigen. Slip of the Tongue ist der Titel, den die Künstlerin ihr mitgegeben hat. Der englische Begriff bedeutet so viel wie „Versprecher“, verbaler Ausrutscher. Der Titel macht klar, dass es hier vor allem ums Sprechen geht, um die Fähigkeit der Zunge, Wörter zu Sprache werden zur lassen, ihnen eine Stimme zu geben. Die Zunge kann vieles: tasten, fühlen, schmecken, lecken und liebkosen. Aber vor allem ist sie das Organ der Sprache, der Rede, der Überzeugungskraft. Noch bis vor wenigen hundert Jahren war es, in Analogie zum Abhacken der Hand, eine gängige Strafe, Lügnern und Betrügern, Märtyrern und Aufrührern die Zunge herauszuschneiden ‒ während vielen Wappentieren, den Löwen, Adlern und Schlangen, die Zunge aus dem Maul weht wie eine Flagge. Sie symbolisiert das über allem schwebende Wort der Mächtigen.

Alexandra Bircken merkt an, ihr sei während des Impeachment-Prozesses gegen den US-Präsidenten Donald Trump eingefallen, dass man während des Verfahrens gegen seinen Vorgänger Bill Clinton Spezialisten beauftragt habe, diesem Lügen vom Mund abzulesen. „Die Bewegung der Lippen wurde genau studiert“, sagt sie. „Bei Trump dagegen weiß man, dass er ständig lügt, ohne dass dies bislang zu Konsequenzen geführt hätte.“

Zum Werk der im Jahr 1967 in Köln geborenen Künstlerin gehörten in der Vergangenheit häufig solche Körperteile. Hoch aufgeladene Motive, fast überkonnotiert, wo es um Politik geht, um Diskurse über Gender, Modernität, Feminismus, Ökologie. Alexandra Bircken trennt sie von der Gegenwart ab wie mit einem Skalpell. Als sie die ledernen Anzüge, die Motorradfahrer tragen, aufschnitt und an die Wand pinnte, wirkte das, als habe sie eine Häutung vorgenommen. Ihre schwarzen, aus zartem Latex zugeschnittenen Figuren (Eskalation) schienen dagegen nur aus Haut zu bestehen. Obwohl sie im Hepworth-Wakefield-Museum oder unter dem Dach des Arsenale während der Biennale von Venedig 2019 herumkletterten wie Akrobaten, fehlten ihnen ‒ sichtbar ‒ Muskeln, Knochengerüst, Sehnen und Bänder. Origin of the World, ein Werk, das Alexandra Bircken im Jahr 2018 erstmals ausstellte, zeigte nicht mehr und nicht weniger als die Plazenta, mit der sie ihre Tochter Zaza während der Schwangerschaft versorgt hatte. Sie präsentierte sie schlicht, sorgsam in einen Plexiglaskubus eingefasst.

Auf dem Wiener Graben serviert die Künstlerin ihre Zunge wie ein Stückchen Sushi. Die gespannte Zunge scheint sich an dem sechs Meter hoch aufragenden Essstäbchen noch aufzurichten, sie wirkt außerordentlich lebendig. Zudem erinnert die sichtbare Aufsockelung an die Konstruktionen eines Constantin Brâncuși. Dieser stellte blanke Metallköpfe auf raue Holzornamente, die wiederum auf glatt polierten Marmorkuben ruhten. Dass Stein, Abstraktion, Körperteil, Metall sichtbar unverbunden blieben, ließ fragwürdig und fragil erscheinen, was unschwer kolossal, auftrumpfend und selbstsicher hätte wirken können. Solche Konstruktionen, merklich gestückelt und geklittert, ragen kippelig in der Erinnerung auf. Wie ein ungeheurer dynamischer Traum.

-- Catrin Lorch

Ort

Graben 21, 1010 Wien, Österreich

Weiterführende Info

Alexandra Bircken, *1967 in Köln, lebt und arbeitet in Berlin und München

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Slip of the TongueAlexandra Bircken

Zeitraum

3. Juli – 5. November 2020

U1, U3 Stephansplatz

Termine

Presse

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