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MAHNWACHEInes Doujak

MAHNWACHE

Das Projekt MAHNWACHE war das erste einer Reihe von künstlerischen Interventionen, die sich mit dem Ort und dem Gedenken an die Verfolgung sexueller Minderheiten im 3. Reich auseinandersetzen. Mit der künstlerischen Intervention sollte die Diskriminierung von Lesben, Schwulen und Transgender-Personen thematisiert werden.

Ines Doujak begreift Gedenken und Erinnerung als einen nicht abgeschlossenen, stets auf Erneuerung und Veränderung basierenden Prozess. Demzufolge begegnete die Künstlerin dem Gedenken mit einer Mahnwache und schuf damit ein Projekt, das sich durch Beweglichkeit auszeichnete. Jede Woche freitags von 17 bis 18 Uhr standen Personen mit Bildtafeln für eine Stunde am Morzinplatz, an dem sich während des 3. Reichs die Gestapo-Leitstelle befand. Die Bildtafeln zeigten Collagen, deren Basis Fotos schreiender Personen waren, die aus dem Ohr bluten.

Die von Ines Doujak geschaffenen visuellen Turbulenzen forderten ihr Gegenüber heraus und überforderten es gegebenenfalls auch. Die Künstlerin verlieh damit der Erinnerung an das von diesem Ort ausgehende Grauen physische Präsenz. In Analogie zu den Ideen des Kulturtheoretikers Homi Bhabha – der sagt: „Erinnern ist nie ein leiser Akt der Introspektion. Es ist ein schmerzhaftes Erinnern, ein Zusammenführen der zerstückelten Vergangenheit, um dem Trauma der Gegenwart einen Sinn zu geben.“ – begreift Ines Doujak Gedenken und Erinnerung nicht als einen primär individuell-introspektiven, kontemplativen Vorgang. Vielmehr interpretiert sie das Erinnern als einen auf Erneuerung und Veränderung basierenden kollektiv zu verhandelnden Prozess, der durch Affekte gesteuert und manipuliert werden kann.
Ines Doujak beschäftigte sich in der für ihre künstlerische Praxis typischen Montagetechnik mit Fragen der Konstruktion von Erinnerung, Identität und (Geschlechts-)Politik.
Obwohl die Collagen sich einer durchaus modernen Plakativität im bildnerischen Duktus bedienten, entzogen sie sich einer linearen Lesbarkeit. Die Bildtafeln und der Gestus der Demonstration nahmen selbstverständlich Bezug auf die Idee einer politischen Demonstration, die Collagen verkomplizierten jedoch die mögliche Aussage im Gegensatz zu den üblicherweise bei einer Demonstration zum Einsatz kommenden Bild- bzw. Texttafeln. Gepaart mit der fast lapidaren performativen Haltung (wenn die Personen abwesend sind, ist auch die Mahnwache, das Gedenken nicht mehr physisch präsent) führte diese Komplikation dazu, dass das Projekt MAHNWACHE die Bedingungen und Grenzen seiner eigenen Existenz verhandelte und die Möglichkeiten für Erinnerungsarbeit erweiterte.

Zusätzlich wurden Postkarten aus einer achteiligen Serie verteilt. Auf den Postkarten bekam das, was die Personen auf den Bildern ausstießen, eine Gestalt: Schlangen. In der Bibel und der christlichen Ikonografie ist die Schlange die Personifizierung des Bösen und des Teufels. Gleichzeitig ist die Schlange in anderen Kulturen Sinnbild für Heilung und Klugheit, Glücksbringer und Statthalter der Ahnen. Die Methodik der Collage erlaubte es Doujak, keine bestimmte Lesart vorzugeben, sondern die Schlange als ein allen Betrachterinnen und Betrachtern verfügbares, zu einer direkten, oftmals sehr starken emotionalen Reaktion herausforderndes Bild zu verwenden.

Text: Matthias Herrmann

Ort

Morzinplatz, 1010 Wien

Weiterführende Info

Künstlerin
Ines Doujak
*1959 in Klagenfurt (AT), lebt und arbeitet in Wien.
inesdoujak.net

Kurator
Matthias Herrmann

Assistenz
Susi Krautgartner, Johannes Schoiswohl

Partner und Förderer
Tiergarten Schönbrunn, ZOO Austria, Walcherstraße 17, 1020 Wien, WASt - Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen |

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MAHNWACHEInes Doujak

Zeitraum

2. Juli – 1. Oktober 2010