Im politisch heißen Wahljahr 2010 setzte sich das Kunstprojekt „SoHo in Ottakring“ in kritischer Weise mit einer weitverbreiteten „schlechten Angewohnheit“ auseinander: dem Denken in rassistischen Schemen. Anhaltende Krisenstimmung und steigende Arbeitslosigkeit verstärken offensichtlich die in Wien latent vorhandene Angst vor allem, was als „fremd“ empfunden wird. Auch viele zugewanderte WienerInnen sind nicht frei von Rassismen. Daher schien es an der Zeit zu sein, eine sozialhygienische Kampagne zu starten: Kick the Habit – Pfeif drauf! Ventil Rassismus.
SoHo 2010 wurde zur Versuchsanordnung für die Frage, ob Kunst politische Wirksamkeit entfalten kann und damit am unvollendeten Projekt Aufklärung weiterarbeitet. Dessen aktuelle Form bedeutet immer auch und vor allem Selbstaufklärung.
Text: Wolfgang Schneider, Auszug aus dem Programmheft | excerpt from the program booklet
Stephen Mathewson mit Special Guests Maura Jasper und Josh Thompson: Informal Research Lab
Grundsteingasse 15/Hofgebäude, 1160 Wien
In einem offenen Laboratorium arbeitete sich ein rund um den in Wien lebenden Künstler und Musiker Stephen Mathewson zusammengestelltes internationales KünstlerInnenteam durch riesige Mengen von vor Ort gesammeltem und mitgebrachtem Material zum Thema „Rassismus“, welches gesichtet, geordnet, verdaut, bearbeitet, besprochen wurde – mit allen Sinnen. Während des Festivalzeitraums entstand öffentlich und mitverfolgbar eine künstlerische Reaktion, die als Objekt, als Bewegung, als Performance, als Buch oder auch nur als ein einziger Satz seine letztendliche Form finden konnte.
Hansel Sato: Österreichische Nachrichten
U-Bahn-Stationen und Brunnenviertel, 1160 Wien
Als vermeintliches Massenmedienprodukt wies das Blatt in seinem Design die allgemeinen Merkmale einer neu eingeführten Gratiszeitung auf, stellte aber inhaltlich auf subtile Weise alle Arten der diskriminierenden Darstellung von Migrantinnen und Migranten in Österreich und ihre politische Ausgrenzung in Frage.
Das Format der Gratiszeitung, wie sie in Wien ein beliebtes Informationsmedium darstellt und täglich durch viele Hände geht, fungierte bei diesem Projekt als Einladung und Angebot, im Massendiskurs gewohnte Stereotype zu reflektieren, neue Perspektiven einzunehmen und positive Aspekte von Multikulturalität sowie Empathie wiederzuentdecken.
EINSPRUCH. Antirassistische Werkstatt blumberg
Blumberggasse 20/Neulerchenfelder Straße 90, 1160 Wien
Die populistische Rechte hat ihre Sprache in den letzten Jahrzehnten zunehmend radikalisiert. Rassistische Zeichen markieren den öffentlichen Raum, die Worte auf legalen Wahlplakaten übertreffen in ihrer scheinbar unreflektierten Härte oftmals noch explizit rechts gerichtete Graffiti. In der Siebdruck- und Grafikwerkstatt wurden in Workshops antirassistische Plakate und Gimmicks hergestellt, die Einspruch zu erheben halfen, ohne sich in langwierige, oftmals fruchtlose Diskussionen zu verlieren.
In Kooperation mit KünstlerInnen und NGOs (ZARA, SOS Mitmensch u. a.) wurden acht Workshops zu unterschiedlichen Themen abgehalten. Interessierte BesucherInnen, Gruppen (etwa SchülerInnen) und Einzelpersonen wurden zur aktiven Teilnahme eingeladen.
Workshops: Mittwoch–Samstag, 17.00–22.00 Uhr
Organisation: Karoline Brand
Konzept: Katharina Struber
Workshops: Edith Schild
wiener kunst schule (Werkstatt Druckgrafik): Wenn die Cevapcici und der Leberkäs’ mit dem Kebab …
Café Müller, Payergasse 14, sowie Käse- und Imbissstände am Brunnenmarkt, 1160 Wien
Eröffnung: 15. Mai 2010, Ausstellung: 16. bis 22. Mai 2010
Leberkäsesemmel, Kebab und Cevapcici koexistieren nun schon etwa 25 Jahre friedlich in der Fastfoodszene. Dies war der Ausgangspunkt einer multilingualen Cartoonserie, die auf Deutsch, Serbisch und Türkisch die Abenteuer der drei Protagonisten Cevapcici, Leberkäs’ und Kebab im Wien des Jahres 2010 erzählte. Die Geschichten setzten sich in kritischer bis provokanter Form mit dem Thema Alltagsrassismus und Vorurteil auseinander.
Mit Siebdruck auf folienbeschichtetes Wursteinpackpapier gedruckt, wurden die Comics den im Raum Brunnen- bzw. Yppenmarkt ansässigen Würstel- oder Kebabstand-Unternehmerinnen und -unternehmern zum Verpacken ihrer Produkte angeboten.
Ausgabe Nr. 9 der Kunst- und Straßenzeitschrift kunst in migration/art in migration: Papier(e) als Material und als Politik
Papiere dienen der gesellschaftlichen Erinnerung, bringen Kontinuität(en) mit sich und tragen gesellschaftliches Unbewusstes weiter. Gleichzeitig sind Papiere als Material sehr fragil, leicht zu vernichten, zu verbrennen. Sie vergilben, verschwinden, häufen sich an. Davon ausgehend, dass im Wiener Wahlkampf im Herbst 2010 ebenfalls ein Papier, der Stimmzettel, wichtig werden würde, sollte das Projekt darstellen, wie brüchig der gesellschaftliche Zusammenhalt ist und wird, wenn er nur auf Papier beruht: Staatsbürgerschaftsnachweis, Einbürgerungsurkunde, Meldezettel, Heiratsurkunde – können alle diese papiernen Dokumente allein den gesellschaftlichen Zusammenhalt, vor allem die Integration, tragen?
Text: Kerstin Kellermann, Joshua Korn
Ort
Brunnenviertel, 1160 Wien
Galerie
Weiterführende Info
Künstler
Stephen Mathewson
*1962 in Evanston/Illinois (USA), lebt und arbeitet in Wien (AT).
Hansel Sato
*1969 in Trujillo (Peru), lebt und arbeitet in Wien (AT).
hanselsato.com
Partner und Förderer
Gebietsbetreuungen Ottakring und Hernals-Währing, MA 7, Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Ottakring Kultur, Kulturverein Liebenswertes Hernals, AK Wien, ERSTE Stiftung, Ottakringer Brauerei AG, Kulturkontakt, IG Kaufleute Brunnenviertel in Neulerchenfeld, Remaprint, silverserver, prilfish, BDFA – Bunte Demokratie für alle, Gesellschaft der Freunde der bildenden Künste




