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freq_out 12 [the last edition] /​ TONSPUR_expandedmehrere KünstlerInnen

freq_out 12 [the last edition] /​ TONSPUR_expanded

Das akustische Wechselspiel von Klang und Raum ist mehr als ein physikalischer Tatbestand. Wie die Geschichte der Klangkunst zeigt, ist diese Wechselbeziehung reich an Details und vermag Wahrnehmungsprozesse in Gang zu setzen, architektonische Grenzen neu zu ziehen, aus flüchtigen Klangspuren bewohnbare Formen entstehen zu lassen, neue Beziehungen innerhalb einer Menge zu knüpfen. In diesem Sinn sind „Klang“ und „Raum“ keine voneinander getrennten Einheiten oder Konzepte, sondern eine durch Synthese gebildete Ganzheit, die für jeden Ort, für jedes Ereignis, für jeden Moment ihres Wechselspiels spezifisch definiert wird. Als radikale Ökologie bildet die Wechselwirkung von Klang und Raum einen Organismus, bringt Dramen der Wahrnehmung und Interaktion hervor und verdeutlicht, was räumliche Lage bedeutet.

Auf solchen Dramen basierte das Projekt freq_out, das seit 2003 Künstler, Komponisten, Architekten, Produzenten und Musiker zusammenbrachte, um mit Klangimagination Architektur zu durchdringen. Kuaratiert wurde freq_out von dem schwedischen Künstler Carl Michael von Hausswolff, der seit vielen Jahren in der Gegenwarts- und Klangkunst aktiv ist. Nach Präsentationen in Kopenhagen, Høvikodden (Norwegen), Paris, Berlin, Chiang Mai (Thailand), Budapest, Kortrijk (Belgien), Stockholm, Amsterdam und Marrakesch (Marokko) fand die letzte Veranstaltung der Reihe in Wien statt. freq_out war als kollaboratives Klangenvironment angelegt, in dem Autorenschaft von der Arbeit als Gruppe geprägt war. Jedem Teilnehmer wurde innerhalb eines gegebenen Raums eine eigene „Zone“ zugewiesen, die durch Ort oder Position des Lautsprechers sowie durch einen spezifischen Frequenzbereich für die jeweilige Klangarbeit bestimmt war. Durch die Arbeit im Raum, die Entdeckung seiner Eigenschaften und das Erproben von Klangmaterial wurden die Stücke in diesem sozialen Rahmen und nach intuitiven Begriffen von Musikalität, Narrativität, Klanglichkeit, Struktur, Fantasie usw. entwickelt: Kollaboration erschien als konkrete Reaktion auf das, was bereits vorhanden war, ob als räumliche Textur oder durch die Richtung, in welche die einzelnen Arbeiten gingen. Entscheidungen, Diskussionen und Argumente entstanden im und durch Klang. In der Schlusspräsentation hatte jede Zone meist ihre eigene Soundanlage (Lautsprecher und CD-Player), über welche die individuellen Stücke abgespielt wurden. Diese Strategie verschaffte jedem Teilnehmer Autonomie und ermöglichte gleichzeitig, dass jede Interferenz zwischen den Arbeiten das Klangerlebnis erweiterte.

Teilweise also funktionierte das Soundenvironment durch Interferenzen, indem es – der Bewegung des Besuchers im Raum und dem Klangverlauf entsprechend – zwischen den einzelnen Arbeiten Überlappungen, Obertöne, Überschneidungen und Ablenkungen quer durch die Frequenzen entstehen ließ. Während der Trend bei der Vorführung und Präsentation von Klangkunst dahin geht, die einzelnen Werke voneinander abzugrenzen, um gegenseitige Störungen und Interferenzen zu reduzieren, stellte freq_out gezielt auf Interferenz und Unterbrechung ab: Damit schlug es mögliche Modelle zur Präsentation von Klangkunst (und zur Konstruktion von Klangräumen) vor, die darauf basieren, die kollektive Vermischung, die Klang unvermeidlich darstellt, mit einzubeziehen anstatt sie zu ignorieren oder zu versuchen, sie auszuschließen.

Von Hausswolff zufolge orientierte sich freq_out an einem Begriff von Kollektivität, der das Individuelle nicht ausblendet. Jeder einzelne Teilnehmer war in ein größeres Ganzes eingebunden, und das nicht so sehr aufgrund des demokratischen Imperativs, dem gemäß immer die Mehrheit regiert, sondern vielmehr durch die Mitwirkung in einem recht anarchischen Kooperationsfeld. Denn jeder Teilnehmer war in der Lage, über seine individuelle Kunst hinauszugehen, um den anderen im Raum und – ein entscheidender Punkt – „durch“ Klang zu begegnen. Der Ausstellungs- oder Präsentationsraum fungierte nicht nur als architektonischer und akustischer Mitspieler, sondern auch als Ort der Kooperation und Unterbrechung. Insofern stellte die Wechselwirkung von Klang und Raum nicht nur andere Bedingungen für den experimentellen Umgang mit dem Ort her, sondern band auch die individuelle Wahrnehmung in das größere Erlebnis des Zusammenkommens mit anderen ein. Denn freq_out war Pluralität zur x-ten Potenz, es splitterte den Raum auf, hallte im Kopf wider, versetzte den einzelnen Körper und arrangierte die Ökologie der Zeiterfahrung neu. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Ereignis pure Utopie gewesen wäre, in der jeder Teilnehmer oder Klang vollständig repräsentiert war, konnte sich doch in den Resonanzen sich mischender und verflechtender Frequenzen, die an Wände prallten und das Gehör aus jedem Winkel überraschten, jedes Gefühl von Musikalität oder Kooperation in Kakofonie verlieren. So wurde schließlich ein Weg aufgezeigt, sich zu überlegen, was es bedeutet, bei Klangexperimenten zusammenzuarbeiten, sich „durch Klang zu begegnen“: dass es im Rahmen einer solchen kulturellen Praxis ebenso um Konflikte und die Möglichkeit von Lärm wie um Entschlossenheit geht.

Text: Brandon LaBelle

Ort

3.MANN-TOUR, Girardipark/Karlsplatz, 1010 Wien

Weiterführende Info

KünstlerInnen und Frequenzbereiche
0–25 Hz Christine Ödlund (SE); 25–65 Hz Hans-Joachim Roedelius (DE/AT); 65–90 Hz Peter Rehberg (GB/AT); 90–140 Hz Kent Tankred (SE); 140–180 Hz JG Thirlwell (AU); 180–250 Hz PerMagnus Lindborg (SE); 250–350 Hz Jana Winderen (NO); 350–500 Hz Maia Urstad (NO); 500–1000 Hz BJ Nilsen (SE); 1000–2000 Hz Tommi Grönlund/Petteri Nisunen (FI); 2000–5000 Hz Finnbogi Pétursson (IS); 5000–12000 Hz Franz Pomassl/Anna Ceeh (AT/RU)

Lichtgestaltung
Franz Graf (AT)

Konzept und Kurator
Carl Michael von Hausswolff (SE)

Ko-Kurator
Franz Pomassl

Projektleiter, künstlerischer Leiter
Georg Weckwerth / TONSPUR Kunstverein Wien

Partner und Förderer
Wien Kanal, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Q21 (MuseumsQuartier Wien), Akademie der bildenden Künste Wien, Universität für angewandte Kunst Wien, Wien Kultur, Bundeskanzleramt, IASPIS (Swedish Arts Grants Committee’s) u. a.

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Zeitraum

22. April – 1. Mai 2016

U1, U2, U4 Karlsplatz

täglich 12.00 bis 20.00 Uhr

Vermittlung - Veranstaltungen

Links

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