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FEMINismTC: ПРЕЙЪР. 4000 SlogansAnna Ceeh, Iv Toshain

FEMINismTC: ПРЕЙЪР. 4000 Slogans

Operation Street Credibility

Iv Toshain und Anna Ceeh überprüften ihre Street Credibility im öffentlichen Raum Wiens: Die urbane Intervention ПРЕЙЪР war ein weiteres Kapitel in einer Folge von Acts, die unter dem typografisch nicht unkomplexen Label „FEMINismTC“ ablaufen. „TC“ als Superscript steht für Toshain und Ceeh, „FEMIN“ kommt immer in Versalien, „ism“ wird durchgestrichen (siehe Dada: das Verneinen von „ism“ als Kritik von Ideologien), also sichtlich verneint, und das „IN“ von „FEMIN“ kursiv geschrieben, also schräg. Auch die künstlerischen Maßnahmen und Handlungsweisen des Duos kippen nicht selten aus der Norm.

Das Projekt ПРЕЙЪР – das Wort funktioniert als semiotisches Zeichen und ist eine Transkription des englischen „prayer“ in zyrillischer Schrift – spielte sich auf einem traditionellen Propagandafeld ab, dem des Plakats. Der Untertitel 4000 Slogans bezog sich auf die verwendeten Sujets – ausschließlich Text beziehungsweise Sprache – und die Auflage, aber auch auf das Werbegenre generell.

Allen voran beteiligten sich die Sisters in Arms VALIE EXPORT und Marina Abramović und blieben mit „think what you can do – not do what you can think …“ und „I believe in no gender in art“ bei ihren Prinzipien, mit „all that matters is whether you make good art or bad art“ geradezu kanonisch. Aus dem osteuropäischen Raum haben Anetta Mona Chișa und Lucia Tkáčová „do it“-Handlungsanweisungen in dem von Marcel Duchamp vorgegebenen Infinitiv gesendet, und der sowjetische Lyriker und Schwulenaktivist Slava Mogutin trug ein optimistisches „towards the gender fluid future“ aus seinem Fluchtort New York bei. Mit einem saloppen „Baby“ pfiff der Meister der relationalen Ästhetik, Olaf Nicolai, jungen Frauen in Berlin nach, spielte auf Rollenklischees, ihre Ironisierung und die Reproduktionsthematik an. In Bratislava erinnerte Boris Ondreička an das 1944 wegen Hexerei verurteilte schottische Medium Victoria Helen McCrae Duncan und ihre künstlerischen Ektoplasmen aus Pappmaché. Der estnische „Jack Torrance“ KIWA, der zur Hacke greift, will er durch die Tür, legte Immanuel Kant die Worte „I can’t stop wearing mascara and lipstick“ in den Mund. Schließlich outeten sich Siggi Hofer und Linda Bilda mit ihrem Sinn für Popästhetik als „both active and passive“ und rieten zu „love sex, hate sexism!“. Mit semantischen Verschiebungen (Toshains „I cum on FEMINismTC“) und synkretistischer Körperlichkeit (Anna Ceehs „die heilige Milch abspritzend“) blickten beide milde über das Pathos der Grenzüberschreitungen in der jüngeren – Wiener – Kunstgeschichte und verwiesen auf die Begrifflichkeit, die ihr Werk generell durchläuft: Pop, Kult, Glamour, das Unorthodoxe und Subversive, Protest, Aktivismus, Performance, alles in lässigem Einvernehmen miteinander verbunden.

Die Statements wurden auf 4000 A1-Plakaten vervielfältigt und über einen Monat im gesamten Stadtraum affichiert. Die 23 Wiener Bezirke mutierten zu einem großen Ausstellungsraum, die Werbeflächen der Gewista zu künstlerisch-diskursiven Nahtstellen zwischen Öffentlichkeit und Gegenwartskunst, zwischen urbanem Alltag und aktivistischem Diskurs. Darüber hinaus erweiterte sich der Aktionsradius von „FEMINismTC“ mit dem „free style“ der freien Szene gegenüber den Plakatplatzhirschen spontaner Guerillaaktionen bei Kunsthallen-Openings hinein in städtische Toilettenkabinen und Pissoirs.

Die Plakate hatten Iv Toshain und Anna Ceeh mit Molotow-Spray besprüht. Die Fluoreszenzstoffe speichern Licht und leuchten im Dunkel, die Texte waren daher auch in der Nacht gut sichtbar: je dunkler die Ecke, desto intensiver das Leuchten. Durch den malerischen Gestus überführten Toshain und Ceeh die Industrienorm ins künstlerisch ästhetische Aggregat des Originals und in einen Grenzbereich zwischen Materialität und Immaterialität, zwischen Auftauchen und Verschwinden, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.

FEMINismTC“, sagen Toshain und Ceeh, „setzt auf Grenzbereiche der Wahrnehmung, auf einen potenziellen Raum für emotionale und gedankliche Reflexionen. Wir schaffen Räume, wo Inhalte immer da, aber nicht immer wahrnehmbar sind. Dabei handelt es sich um Inhalte, die jenseits von darstellend/abstrakt/performativ/installativ sind.“

Textauszug: Brigitte Huck. Der Text ist unter www.fxxxx.me nachzulesen.

Ort

23 Bezirke von Wien

Weiterführende Info

Künstlerinnen
Anna Ceeh

*1974 in St. Petersburg (SU), lebt und arbeitet in Wien.
annaceeh.com
soniczones.com

Iv Toshain
* 1980 in Sofia (BG), lebt und arbeitet in Wien.
toshain.com
parkfair.at
fxxxx.me

Beteiligte KünstlerInnen
Marina Abramović (US), Linda Bilda (AT), Anna Ceeh (SU/AT), Anetta Mona Chisa & Lucia Tkáčová (RO/SK), VALIE EXPORT (AT), Siggi Hofer (AT), KIWA (EE), Slava Mogutin (RU/US), Olaf Nicolai (DE), Boris Ondreička (SK), Iv Toshain (BG)

Partner und Förderer
BKA – Frauenangelegenheiten und Gleichstellung, BMUKK – Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, MA 57 – Frauenabteilung der Stadt Wien, Otto-Mauer-Fonds, VATNC (Visible Audible Tangible Network Cloud)

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FEMINismTC: ПРЕЙЪР. 4000 SlogansAnna Ceeh, Iv Toshain

Zeitraum

3. März – 3. April 2014

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