Zurück
Permanent

Der verlorene GartenChristian Kosmas Mayer

Der verlorene Garten

Das Kunstwerk Der verlorene Garten von Christian Kosmas Mayer wurde im Jänner 2025 als permanente künstlerische Gestaltung der Westpassage des Bahnhofs Wien Meidling der Öffentlichkeit übergeben. Für die täglich Zehntausenden Reisenden, die diesen Durchgang queren, eröffnet das mehrteilige Wandbild einen Erfahrungsraum, der Verlangsamung und Aufmerksamkeit provoziert und sich der reinen Transitlogik entzieht. Ausgangspunkt ist eine vergessene Wiener Gartenlandschaft: der Prónaygarten, der im 19. Jahrhundert durch den Bau der Südbahn verschwand.

Die mit Keramiktinte hinter Glas gedruckten Bildtafeln rekonstruieren dieses Vergangene nicht als authentisches Bild, sondern machen sichtbar, wie Bilder von Geschichte entstehen und welche Archive, Blickregime und Ausblendungen dabei wirksam werden. Der Bahnhof ist dabei nicht bloße Kulisse, sondern ein Ort, an dem die historische Logik infrastruktureller Modernisierung bis in die Gegenwart fortwirkt.

Für das Passagenpublikum entsteht daraus eine Einladung zur historischen Bildbefragung: Auf Grundlage von Recherchen und kuratierter KI-Bildproduktion öffnen die Tafeln eine verborgene Geschichte urbaner Transformation. In dieser Geschichte bedeutete industrielle Modernisierung nicht nur Fortschritt, sondern auch Verlust – die Überformung und Auslöschung von Kulturlandschaften, Gartenräumen und einer Spazier- und Verweilkultur des frühen 19. Jahrhunderts.

Im Umfeld des heutigen Bahnhofgeländes erwarb 1817 Sigismund Freiherr von Prónay eine weitläufige Grünfläche. Durch die systematische Kultivierung und Präsentation einer außergewöhnlich großen Zahl seltener Pelargonien entwickelte sich die Anlage zu einem botanisch einzigartigen Biedermeiergarten, der in Wien große Beliebtheit genoss. Bis 1839, als der Garten der neuen Südbahnstrecke weichen musste, nahm der Prónaygarten eine besondere Stelle innerhalb der Wiener Erholungsgeschichte ein. Als Landschaftsgarten im Übergangsraum zwischen Stadt und Vorstadt repräsentierte er eine bürgerlich-aristokratische Garten- und Spazierkultur, die Erholung, Naturstudium und ästhetische Bildung miteinander verband.

Vom Prónaygarten selbst ist bis dato kein visuelles Dokument im Format eines Gemäldes oder Kupferstichs bekannt. Sein Erscheinungsbild lässt sich nur indirekt aus zeitgenössischen literarischen und topografischen Quellen erschließen. Dass der Garten dennoch bis heute gelegentlich erwähnt wird, hängt nicht zuletzt mit Ludwig van Beethoven zusammen: Er verbrachte 1823 mehrere Monate als Gast Prónays in der angrenzenden Villa.

Aus dem Fehlen einer ikonografischen Überlieferung ergibt sich dabei eine zentrale Frage der künstlerischen Arbeit: Nicht die Rekonstruktion eines vermeintlich fixierbaren Vergangenen steht im Mittelpunkt, sondern die Bildproduktion selbst – und ihre Bedingungen.

Die über 300 Quadratmeter umfassende Wandbildinstallation setzt bei einer bewussten Umkehr gängiger Bildproduktionslogiken an. Ausgangspunkt des Kunstprojekts sind Mayers Handzeichnungen zum historischen Prónaygarten, die auf eigenen Recherchen beruhen. Diese Zeichnungen dienen nicht als bloße Vorstufe einer technischen Optimierung, sondern werden als widerständiges Material in einen kuratierten Prozess maschineller Transformation eingespeist. Mayer führt sie dazu mit KI-Generatoren zusammen, die auf Bildmaterial der Biedermeierkunst und auf zeitgenössische Quellen trainiert wurden.

Aus dieser Rückkopplung entstehen KI-generierte Entwürfe, die sich an historischen botanischen Illustrationen, Reisebildern und Gartenmotiven des frühen 19. Jahrhunderts orientieren. Diese algorithmischen Bildvorschläge übernimmt Mayer jedoch nicht affirmativ, sondern bearbeitet, verfremdet und fragmentiert sie iterativ. In zahlreichen Überarbeitungsschichten verdichtet er so den Prónaygarten im wiederholten Wechsel zwischen algorithmischem Output und künstlerischer Intervention zu einer Bildfolge, die ihre Brüche sichtbar hält.

Diese Verzerrungen werden in Mayers Arbeit offengelegt und gezielt irritiert. Er nutzt künstliche Intelligenz nicht als autonomes Instrument der Bilderzeugung, sondern als editorisches System. Er steuert die algorithmischen Vorschläge, unterbricht sie und lenkt sie um, ohne sie auf höhere Plausibilität zu trimmen. Durch Irritationen, Fehlzuordnungen und Dekonstruktionen des Gegenständlichen und Figürlichen verschiebt er das vermeintlich „unschuldige“ Idyll in einen Reflexionsraum: Das Bild zeigt nicht nur, was es darstellt, sondern wie es darzustellen gelernt hat. Damit werden die fortgeschriebenen Blickregime sichtbar und zugleich mit kleinen, präzisen Störungen unterlaufen.

Der Bau der Eisenbahntrasse tilgte den Prónaygarten 1839 physisch aus dem Stadtgefüge und ersetzte den kontemplativen Raum durch infrastrukturelle Dynamik. In dieser Spannung zwischen Evidenz und Verunsicherung wird die Installation so zu einem Experimentierfeld künstlerischer Intervention. Sie ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie KI nicht als Werkzeug zur Erzeugung vermeintlicher Wirklichkeit, sondern als Material für kritische, reflexive und politische Bildpraxis eingesetzt werden kann. (Ramón Reichert)

Ort

Bahnhof Wien Meidling, 1120 Wien

Weiterführende Info

Christian Kosmas Mayer * 1976 in Sigmaringen (DE), lebt in Wien (A)

Zurück
Permanent

Der verlorene GartenChristian Kosmas Mayer

Zeitraum

Seit Winter 2024

ÖBB / U6 / S-Bahn Station Wien Meidling

Vermittlung - Veranstaltungen

Presse

Zu den Unterlagen

Links

ZUM WETTBEWERB

Kooperationspartner