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Baustelleninformation: Schieflage (Karl Lueger 3,5°)Tafeln am Bauzaun informieren über den Prozess der Kontextualisierung

Baustelleninformation: Schieflage (Karl Lueger 3,5°)

Der Bauzaun am Karl-Lueger-Platz dient auch der Information der interessierten Öffentlichkeit. Hier finden sich ausführlichere Informationen zur Umgestaltung des Denkmals, zur Vorgeschichte, zu Luegers Antisemitismus, zum künstlerischen Wettbewerb und zum Entwurf „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ auf deutsch, englisch und in leichter Sprache.

Schieflage (Karl Lueger 3,5°)

Bis zum Sommer 2026 wird am Stubentor das 1926 für den Bürgermeister Karl Lueger (1844–1910) errichtete Denkmal künstlerisch umgestaltet und damit kontextualisiert. Der Entwurf für die Umgestaltung mit dem Titel „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ stammt von Klemens Wihlidal.

Lange wurde Karl Lueger als herausragender Kommunalpolitiker geehrt, ohne dass über seine Rolle als Begründer des populistischen Antisemitismus in Österreich gesprochen wurde. Heute wird diese unkommentierte Würdigung Luegers von der Öffentlichkeit nicht mehr akzeptiert.

Die Stadt Wien stellt sich der Diskussion um den zeitgemäßen Umgang mit dem Denkmal sowie dessen Bedeutung. Im Jahr 2021 fand im Festsaal des Rathauses ein Forum mit Expert*innen aus Politik, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft zum Thema statt. Dort wurde klar, dass die Stadt ein starkes Zeichen setzen muss, dass sich mit gesellschaftlichem Nachdenken über Geschichte, Antisemitismus und Verantwortung im Heute auseinandersetzt. Daraufhin wurde ein Wettbewerb zur permanenten Kontextualisierung des Denkmals ausgeschrieben. Der Wiener Künstler Klemens Wihlidal konnte mit seinem Entwurf die breit aufgestellte Jury aus Kunst, Wissenschaft, Verwaltung und Politik überzeugen.

Dr. Karl Lueger

Karl Lueger, geboren 1844 und von 1897 bis zu seinem Tod im Jahr 1910 Wiener Bürgermeister, gilt bis heute als einer der populärsten wie auch umstrittensten Politiker Wiens. Schon zu Lebzeiten schuf er einen Personenkult um sich. In der Öffentlichkeit wird er als großer Erneuerer betrachtet, der Wien Anfang des 20. Jahrhunderts mit großen Kommunalisierungsprojekten in die Moderne führte.

Lueger richtete seine Politik vor allem an das vom Börsenkrach von 1873 stark getroffene Kleinbürgertum, das sich vielfach als Verlierer der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche verstand („der kleine Mann“).

Mit scharfer Rhetorik, Spott und gezielter Demagogie gelang es ihm, breite Teile der öffentlichen Meinung auf seine Seite zu ziehen. Dabei bediente er sich antisemitischer Vorurteile und bis heute wirkmächtiger judenfeindlicher Narrative. Bekannt wurde der ihm zugeschriebene Satz „Wer a Jud ist, bestimm i!“

Vor allem trug er mit seinem von Populismus geprägtem politischen Programm maßgeblich zur Verbreitung und Verankerung antisemitischer Haltungen in Österreich bei und wurde neben Georg von Schönerer zu einer wichtigen Bezugsperson für Hitlers Entwicklung zum Antisemiten.

Künstlerische Kontextualisierungen von historischen Denkmälern geben uns heute die Möglichkeit, über Hintergründe und geschichtliche Zusammenhänge dieser Zeichen der Ehrung nachzudenken. Ihre Bedeutung für unsere Vergangenheit, unsere Entwicklung zu einem demokratischen Rechtsstaat, sowie für unsere Gegenwart soll kritisch und mit klarem Blick hinterfragt werden.

Das historische Denkmal

Das Denkmal für den ehemaligen christlichsozialen Wiener Bürgermeister Karl Lueger gestaltete der später wegen seiner Rolle im Nationalsozialismus umstrittene Bildhauer Josef Müllner in den Jahren 1913 bis 1916 als Bronzestandbild auf einem Sockel aus Marmor. Ursprünglich sollte das durch Spenden aus allen Teilen der Bevölkerung finanzierte Denkmal vor dem Rathaus errichtet werden. Durch den Ersten Weltkrieg verzögert, wurde es 1926 am Stubentor aufgestellt.

Aufkommende Kritik

Mit einem neuen Bewusstsein für die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus und dem Aufkommen weltweiter Kritik an historischen Denkmälern wird das Denkmal Karl Luegers in den 1990er Jahren zunehmend hinterfragt. Bereits 1973 wurde es von der Künstlerin VALIE EXPORT mit einer Filminstallation öffentlich in Frage gestellt. Vielstimmiger werden die Diskussionen um das Denkmal jedoch erst ab 2009.

Wunsch nach Umgestaltung

Im Rahmen eines Ideenwettbewerbes an der Universität für angewandte Kunst im Jahr 2009 wurde das Denkmal erneut hinterfragt. Diesen Wettbewerb gewann der Entwurf des damaligen Studierenden Klemens Wihlidal. Zu einem Dialog und einer gemeinsamen Initiative mit allen Stakeholdern zur Umsetzung seines Vorschlags kam es jedoch nicht. 2010 wurde das Denkmal im Zuge von weltweiten Auseinandersetzungen rund um historisch belastete Denkmäler seitens der Stadt durch eine Tafel mit einem Erklärungstext ergänzt, der auch Luegers politische Haltung zum Thema hat.

Jüngste Proteste

Gerade im Zuge der weltweiten Auseinandersetzung kam es im Jahr 2020 erneut zum Aufflammen einer regen Diskussion in Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft über die Person Lueger und das Lueger-Denkmal. In der Folge der Proteste entlud sich dieser gesellschaftliche Diskurs durch wiederholte Beschmierungen, Interventionen und politische Vereinnahmung sichtbar am Denkmal. Die Stadt Wien antwortete mit einem partizipativen Dialogprozess und schrieb daraufhin einen Wettbewerb zur permanenten Kontextualisierung aus.

Der Wettbewerb

Der Ausschreibung des Wettbewerbs 2022 gingen umfassende wissenschaftliche und technische Vorbereitungen voraus. Alle technischen Vorgaben und Möglichkeiten – auch zum Schutz der am Platz stehenden Platane, einem Naturdenkmal – wurden mit den zuständigen Magistratsabteilungen, dem Bezirk und dem Bundesdenkmalamt erarbeitet.

Zur Teilnahme am Wettbewerb wurden 15 österreichische wie internationale Künstler*innen eingeladen – Klemens Wihlidal überzeugte erneut mit seinem Entwurf.

Der künstlerische Entwurf „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“

Im Entwurf „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ wird das Denkmal um 3,5 Grad nach rechts geneigt. Mit dieser schlichten künstlerischen Geste bringt der Künstler das Denkmal optisch aus der Balance und schafft ein Bild zwischen Stehen und Fallen. Der symbolhafte Denkmalsturz nimmt dem Denkmal den Anspruch auf Monumentalität. Diese Irritation soll die öffentliche, kritische Diskussion zum Umgang mit Karl Luegers Vermächtnis für Wien lebendig halten.

Umsetzung des Projekts und Baustelle

Nach Abschluss aller notwendigen Vorarbeiten und Ausschreibungen wurde im Jänner 2026 mit der baulichen Umsetzung von „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ am Platz begonnen. Während der Arbeiten werden die abgeschlagenen Teile an den Skulpturen und Reliefs wiederhergestellt und die im Zuge der Proteste aufgebrachten Farb- und Bitumenschichten am Denkmal entfernt. Nach aktuellem Planungsstand soll die Realisierung im Sommer 2026 abgeschlossen sein.

Weiterführende Info

Zum Hauptprojekt
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Zeitraum

Seit 26. Jänner 2026

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