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„Wenn es weg ist, ist auch die Geschichte weg“Historikerin Heidemarie Uhl 2022 im Interview mit dem Wien Museum-Magazin

„Wenn es weg ist, ist auch die Geschichte weg“

Die 2023 verstorbene Historikerin Heidemarie Uhl war gegen eine Entfernung des Lueger-Denkmals. Sie sah es als „Stein des Anstoßes“, dessen Potenzial man für die Zukunft nützen müsse. Der Plan zu einer permanente künstlerische Kontextualisierung wollte Uhl nicht als Schlusspunkt der Debatte verstanden wissen, sagte sie 2022 im Interview mit Wien Museum-Kurator Vincent Weisl für das Magazin des Hauses.

Vincent Weisl: Ich würde gerne zuerst allgemein über Denkmäler sprechen, bevor wir auf das Lueger-Denkmal zu sprechen kommen. Die permanente Intervention, die Ende des Jahres ausgeschrieben wird, wurde bereits 2010 gefordert. Was hat sich überhaupt seither geändert und wie können wir die aktuelle Diskussion in eine Geschichte der künstlerischen Auseinandersetzung mit solchen Denkmälern einordnen?

Heidemarie Uhl: Im Jahr 1994 ist ein kunsthistorisches Buch von Ekkehard Mai und Gisela Schmirber mit dem Titel „Denkmal – Zeichen – Monument“ erschienen, in dem es um eine neue Erinnerungskultur des Ehrens und/oder Anstoß-Nehmens geht. Das ist das Motto bis heute. Das Interessante ist, dass Denkmäler vor den 1980er Jahren eigentlich nicht ernst genommen wurden. Es gab kaum große Debatten. Natürlich hatte man die große Zäsur 1945, die Denkmäler des Nazi-Regimes waren nicht mehr tragbar. Die zweite, heute eigentlich vergessene Zäsur gibt es 1955, da werden die Denkmäler, die die sowjetische Besatzungsmacht errichten ließ, in vielen Fällen abgebaut oder verändert – mit Zustimmung der sowjetischen Botschaft, das war klar. Aber das Spannende ist, dass danach Denkmäler eigentlich keine Rolle mehr spielen. Es wurden kaum neue Denkmäler errichtet, denn das war eine anachronistische Art des Erinnerns im öffentlichen Raum. Wer hat die Denkmallandschaft geprägt? Das war der Historismus des 19. Jahrhunderts, und diese Denkmäler gehören zum selbstverständlichen historischen Repertoire einer Stadt. In der Regel waren Denkmäler nichts, was als „heißer“ Stein des Anstoßes gesehen wurde, und Denkmäler waren auch keine Aufgaben für die moderne Kunst – höchstens in Form eines Gegendenkmals, wie das der österreichische Bildhauer Alfred Hrdlicka in Hamburg gemacht hat, als Antwort auf ein kriegsverherrlichendes Denkmal aus dem Jahr 1936.

VW: Was hat sich dann in den 1980er Jahren geändert?

HU: Die Kategorie des historischen Denkmals schien bedeutungslos, und das ändert sich in den 1980ern Jahren unter dem zitierten Motto „Ehren und/oder Anstoß Nehmen“. Das heißt, neue Gruppen und Personen werden geehrt und an bestehenden Denkmälern wird Anstoß genommen. Und da entsteht – in Europa, aber auch außerhalb Europas, wie in den USA und anderen betroffenen Ländern – die neue Kategorie des Holocaust-Denkmals. Ausgangspunkt ist ein neues Bewusstsein für die Leerstellen der Denkmallandschaft, was sichtbar wurde, ist das Fehlen der Erinnerung an den Holocaust. Ab nun wurden in den Zentralräumen der Städte wieder Denkmäler errichtet, die Bauaufgabe des Denkmals im öffentlichen Raum wurde wieder zu einer Agenda der modernen Kunst, das Denkmal zur kulturellen Signatur städtischer Identität: Wie schreibt man sich mit welchem/r Künstler:in in diese neue internationale Kategorie der Holocaust-Denkmäler ein? In Österreich und der Bundesrepublik Deutschland gab es zugleich die Kritik an den Kriegerdenkmälern. Besonders in Österreich sind diese Trägermedium einer Gegenerinnerung zur Opferthese, und gerade im lokalen und regionalen Bereich könnte man sagen, dass sie viel identitätsstiftender sind als Denkmäler für den Widerstand – davon gab es ohnehin nur wenige. 1991 erschien das erste Buch, das sich kritisch mit Kriegerdenkmälern in Österreich auseinandersetzte, die Autor:innen Reinhold Gärtner, Sieglinde Rosenberger und Anton Pelinka haben klar gezeigt, dass Kriegerdenkmäler, in denen die gefallenen Wehrmachtssolden als „Helden“ der Ehre, Treue und Pflichterfüllung geehrt werden, im Widerspruch zum Selbstverständnis der Republik Österreich stehen. (...)

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Weiterführende Info

Heidemarie Uhl (1956-2023) forschte an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und unterrichtete an den Universitäten in Wien und Graz. Gedächtniskultur in Bezug auf den Holocaust und österreichische Zeitgeschichte im europäischen Kontext war der Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

Uhl war bis zu ihrem Tod Vorsitzende im Beirat der Stadt Wien zur Errichtung von Gedenk- und Erinnerungszeichen. Darüber hinaus war sie neben Oliver Rathkolb, Barbara Staudinger und Virgil Widrich Teil der wissenschaftlichen Kommission im Wettbewerb zur permanenten Kontextualisierung des Lueger-Denkmals.

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„Wenn es weg ist, ist auch die Geschichte weg“Historikerin Heidemarie Uhl 2022 im Interview mit dem Wien Museum-Magazin

Zeitraum

Seit 25. September 2022

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