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Christlichsozialer Personenkult im Roten WienDas Lueger-Denkmal von Josef Müllner

Christlichsozialer Personenkult im Roten Wien

Das 1926 enthüllte Denkmal für Karl Lueger ist in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich: Es war nicht nur das erste Monument, das einen modernen Politiker an der Ringstraße ehrte. Es ist auch das größte Personendenkmal, das seit dem Ende der Monarchie in Wien errichtet wurde, und zählt weltweit zu den größten Denkmälern für ein Stadtoberhaupt. Anlässlich der aktuellen Debatte lohnt sich ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des Bauwerks.

Von Andreas Nierhaus

Ein Denkmal wird sichtbar

Noch unter der christlichsozialen Stadtregierung initiiert, konnte das Lueger-Denkmal aufgrund des Ersten Weltkriegs erst 14 Jahre nach dem Wettbewerb im mittlerweile von den Sozialdemokraten regierten Wien fertiggestellt werden. Die lange, wechselvolle Entstehungsgeschichte teilt es indes mit zahlreichen anderen Denkmälern – zumal in Wien, wenn man etwa an das seit nunmehr bald 20 Jahren (und ohne Unterbrechung durch einen Krieg) geplante, bislang nicht realisierte Denkmal für homosexuelle Opfer der NS-Zeit denkt. Wie die meisten anderen Denkmäler entlang der Ringstraße ist auch das Lueger-Denkmal Ausdruck einer Denkmalkultur, die ihre gesellschaftliche Relevanz heute längst eingebüßt hat und durch eine andere Denkmalpolitik ersetzt wurde, die sich weniger der immer fragwürdiger werdenden klassischen „Helden“, als vielmehr der Opfer und Opfergruppen annimmt. Für die meisten konventionellen Monumente, egal welcher Kategorie, mag das viel zitierte Musil’sche Paradoxon von der Unsichtbarkeit der Denkmäler gelten, die sich entgegen der Absichten ihrer Urheber konsequent der Aufmerksamkeit des Publikums entziehen und wie lästige Verkehrshindernisse, im besten Fall aber als dekorativer Aufputz den Stadtraum bevölkern. Das Lueger-Denkmal gehört nicht zu dieser Gruppe – im Gegenteil, es zählt aktuell zu den umstrittensten Denkmälern Europas.

Luegers politische Instrumentalisierung des Antisemitimus war bereits 2009 Anlass zu einem von der Universität für angewandte Kunst initiierten, inoffiziellen Wettbewerb zur Umgestaltung des Denkmals. Das siegreiche Projekt von Klemens Wihlidal sah eine Neigung des gesamten Denkmals um 3,5 Grad „nach Rechts“ vor, wurde jedoch nicht realisiert. Neue Aktualität gewann die Debatte im Zuge der „Black Lives Matter“-Proteste des Jahres 2020, als das Denkmal zum Ziel antidiskriminierender und antirassistischer Aktionen wurde. Nachdem der Sockel mehrfach mit dem Wort „Schande“ besprüht wurde, brachte eine Künstlergruppe um den Bildhauer Eduard Freudmann darauf basierende plastische Schriftzüge an, die kurz darauf von rechtsextremen Aktivisten wieder entfernt wurden. Die sonst in solchen Fällen übliche Reinigung bzw. Restaurierung des Denkmals unterblieb bis dato – vermutlich, weil die intervenierenden Künstler*innen drohten, jeder Versuch einer Reinigung stelle einen weiteren Akt des Antisemitismus dar. Nachdem Stimmen für eine Entfernung des Denkmals laut wurden, stellte die Stadt Wien nun stattdessen eine „künstlerische Kontextualisierung“ in Aussicht. Doch ein solcher Kontext braucht auch einen Text, der mehr zu vermitteln im Stande sein sollte als das plakative und wenig aussagekräftige Wort „Schande“ – und daher ist ein möglichst nüchterner Blick auf die (Kunst-)Geschichte des Denkmals unerlässlich, wenn man sich ernsthaft mit seiner Zukunft auseinandersetzen möchte.

>>> Weiterlesen im Magazin des Wien Museums

Weiterführende Info

Andreas Nierhaus, Kunsthistoriker und Kurator für Architektur und Skulptur im Wien Museum. Forschungsschwerpunkte: Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts, Medien der Architektur. Ausstellungen und Publikationen u.a. über die Wiener Werkbundsiedlung, die Ringstraße, Otto Wagner, Richard Neutra und Johann Bernhard Fischer von Erlach.

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Christlichsozialer Personenkult im Roten WienDas Lueger-Denkmal von Josef Müllner

Zeitraum

Seit 31. Jänner 2022

Vermittlung - Veranstaltungen