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Temporär

Josefstädter Plätzefest

Josefstädter Plätzefest

Is this the real life? Is this just fantasy? #2 - Kunstprojekte von Iris Andraschek (A), Franz Kapfer (A), Ria Paquée (B), Sun Li Lian Obwegeser & Antonia Prochaska (A), Jonathan Quinn (GB/A), Laura Samarweerová (A), Romana Scheffknecht (A)

Zum zweiten Mal entwickeln Künstler*innen temporäre Projekte für den öffentlichen Raum der Josefstadt. Der Titel ist der Bohemien Raphsody der Rockband Queen entlehnt und spielt auf die Frage nach den gesellschaftlichen und individuellen Konstruktionen von Realität an, die im öffentlichen Raum aufeinander treffen.

Die acht Künstler*innen verbindet ihr analytischer Blick auf diese Konstruktionen. Sie sind Flaneur*innen, die im Sinne Walter Benjamins „nicht nur Nahrung aus dem ziehen, was ihnen sinnlich vor Augen kommt“, sondern mit luzidem Blick Architektur als Manifestationen von Geschichte lesen und diese mit den Geschichten ihrer Bewohner*innen verweben, in den Bewegungen der Passant*innen aktuelle gesellschaftliche Stimmungen wahrnehmen, Zusammenhänge orten und Öffentlichkeit an sich erkennen, indem sie das Sichtbare und das Unsichtbare miteinander verbinden.

Diese scharfsinnigen Beobachter*innen vermessen und erfassen den öffentlichen Raum. Sie kommentieren, torpedieren, camouflieren; mitunter entwickeln sie poetische Gegenmodelle. Und indem sie auf diese Weise Teil der beobachteten Wirklichkeit werden, verändern sie deren Konstruktion.

Iris Andraschek begibt sich auf die Spuren von künstlerisch tätigen Frauen in der Josefstadt, deren Biographien heute weitgehend unbekannt sind und die unter dem Nationalsozialismus größtenteils gezwungen waren, ihre Wohn- oder Arbeitsorte zu verlassen. Mittels teppich-artiger Bodenmalereien mit biographischen Informationen, ergänzt durch persönlichen Notizen, Aussagen und Geschichten, lässt die Künstlerin acht dieser Frauen auf den Gehsteigen vor den betreffenden Häusern aus der Anonymität heraustreten.

Aus dem Hamerlingpark tritt uns der über vier Meter hohe „Aviano“ von Franz Kapfer wie das Versatzstück eines riesigen Bühnenbilds mit hoch erhobenem Kreuz entgegen. Die Holzfigur ist eine Replik des im „Austrofaschismus“ vor der Wiener Kapuzinerkirche errichteten Denkmals für Marco d’Aviano. Der Mönch, der 1683 das Heer gegen die Wien bedrohenden Osmanen geeint haben soll, wurde im autoritären Ständestaat (1933-1938) als „Retter des Christentums“ verehrt. Kapfers „Aviano“ taucht seit 2015 an unterschiedlichen Orten anlassbezogen auf (zuerst in einer von KÖR geförderten Gruppenausstellung, diesmal vor den Wiener Gemeinderatswahlen 2020) und verweist mit den Spuren (Kommentare, Kritzeleien, Aufkleber) seiner früheren Auftritte auf die immer wiederkehrende politische Vereinnahmung von Religion.

Die belgische Künstlerin Ria Paquée ist eine scharfsinnige Beobachterin des öffentlichen Lebens. In ihren Performances thematisiert sie soziale und kulturelle Fragen wie menschliche Rituale oder auch kollektives Handeln und taucht dabei tief in gesellschaftliche Strukturen ein. Die Stadt und die Straße sind ihr anthropologisches Forschungsfeld und ihre Bühne zugleich, die sie meist in Camouflage betritt - in der Josefstadt vor dem ehemaligen Palais Strozzi auf der Josefstädterstraße.

„Come On, Do I Look Like The Mother Of The Future?“ fragt Sarah Conner im Film „The Terminator“. Mit ei­nem Outer-Space-Objekt, das Sound und Bilder aus der Zukunft sendet, thematisieren Sun Li Lian Obwegeser & Antonia Prochaska vor der historischen Kulisse der Piaristenkirche die Rollen der Female-Figures im Science-Fiction. (Graphik und Anima­tion: Thomas Kloyber)

Die Fahnenmasthalterungen neben und über den Portalen der historischen großbürgerlichen Häuser der Josefstadt werden zu Ausgangspunkten für die künstlerischen Interventionen des britischen Künstlers Jonathan Quinn. Es sind zarte, poetische Gesten, die Quinn an vier Hausfassaden der Alltagssprache entgegen setzt und die unsere Aufmerksamkeit, wenngleich auf sanfte, doch auf nachdrückliche Art sensibilisieren wie auch umlenken.

In der Fotoserie „Weltwelten“ verschmilzt Laura Samaraweerová auf den Fenstern leerer Gassenlokale und architektonischen Brachflächen unterschiedliche Landschaften und Objekte zu geheimnisvollen Sehnsuchtsorten. Vertrautem stellt sie Fernes wie Unnahbares gegenüber und lässt im Zusammenspiel neue Welten entstehen. Starre Vorstellungen verschwimmen, Vergangenes und Gegenwärtiges greifen ineinander.

Mit einem aufblasbaren Objekt aus Fallschirmseide, das ein überdimensioniertes Corona-Virus in maximaler Schönheit darstellt, reagiert Romana Scheffknecht auf die mediale Darstellung der Corona-Epidemie. In seiner ästhetischen Überzeichnung wirkt das Virus prachtvoll - harmlos und trivial - und wird gleichzeitig auf eine Metaebene transportiert, auf der die Künstlerin kollektive Bildentstehung analysiert wie auch subversiv-ironische Kommentare zur Konstruktion von Realität liefert.

Das Josefstädter Plätzefest wird von KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien gefördert, in Kooperation mit dem 8. Wiener Gemeindebezirk.

Ort

KÖR Stand am Hamerlingplatz, vor Hamerlingplatz 4, 1080 Wien

Weiterführende Info

Arbeiten im öffentlichen Raum von: Iris Andraschek, Romana Scheffknecht, Laura Samarweerová, Franz Kapfer, Antonia Prochaska, Sun Li Lian Obwegeser, Jonathan Quinn, Ria Paquée

Kuratorinnen: Katharina Blaas, Conny Offergeld

Von 12 bis 18 Uhr können Sie unseren KÖR-Stand am Hamerlingplatz besuchen und mehr über unsere Arbeit erfahren.

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Josefstädter Plätzefest

Zeitraum

Freitag, 18. September 2020, 12 bis 21 Uhr

Laura Samaraweerová: Lange Gasse 25, Buchfeldgasse 2, Josefstädter Straße 16

Jonathan Quinn: Schönborngasse 2, Schönborngasse 4, Kupkagasse 2, Josefstädter Straße 69

Iris Andraschek: Josefsgasse 9, Lange Gasse 72, Skodagasse 15, Alser Straße 23, Lerchenfelder Straße 88, Josefstädter Straße 58, Alser Straße 45, Buchfeldgasse 6

Franz Kapfer: Hamerlingplatz

Ria Paquée: Josefstädter Straße 39

Romana Scheffknecht: IHS (Josefstädter Straße 39)

Sun Li Lian Obwegeser & Antonia Prochaska: Jodok-Fink-Platz

Termine

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