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TAGEDIEBCosima von Bonin

TAGEDIEB

An einem der zentralsten Orte der Stadt, dem Wiener Graben, wurde am 7. Mai 2010 ein neuer permanenter Ort für Kunst im öffentlichen Raum eingeweiht, der seitdem jedes Jahr neu bespielt wird. Das erste Werk für diesen Ort war TAGEDIEB von Cosima von Bonin.
Die sechs Meter hohe, in Weiß gehaltene Installation am Graben verwendete Zitate aus der Populär- und Alltagskultur und veränderte deren ursprüngliche Bedeutung, indem sie mehrere Bedeutungsebenen collagenhaft miteinander verband. Auf einem Hochsitz – angesiedelt zwischen Tennisschiedsrichterstuhl und Aussichtsplattform – hockte eine Figur, deren vom vielen Lügen stark verlängerte Nase uns sofort an Pinocchio denken ließ. Am Ende der Nase baumelte eine Spinne an einem Faden. Eine mit einem Bewegungsmelder versehene Maiglöckchenlampe (das gleiche Modell, das den gesamten Graben ziert), beleuchtete die Szene von hinten.
Durch den Titel der Arbeit, TAGEDIEB, schlug Cosima von Bonin eine Lesart vor: Mitten im dem Konsum gewidmeten Zentrum Wiens saß ein kleiner Taugenichts und betrachtete müßiggängerisch das geschäftige Treiben um sich herum. Nicht nur, dass er die Tage stahl, indem er nichts tat außer sitzen und beobachten, konsumierte er nicht, war er kein „guter Bürger“ und log auch noch – was man unschwer an seiner verlängerten Nase erkannte. Bonin nutzte die von ihr verwendeten Versatzstücke und deren Materialität souverän, um eine unmittelbar wahrnehmbare ästhetische Setzung vorzunehmen; gleichzeitig entstand durch die Melange von Elementen, die a priori in keinem Sinnzusammenhang stehen, ein Mikrokosmos, der sich einer „endgültigen“, sich auf einen klaren Nenner reduzierenden Interpretation entzog.
Seine Bekanntheit und gleichzeitig seine Fremdheit im histori(sti)schen Ensemble ermöglichten es dem Tagedieb, sich zu unser aller Komplizen zu machen, schillernd zwischen Irritation, Nähe und Verführung.

Text: Matthias Herrmann

Ort

Kunstplatz Graben, Höhe Graben 21, 1010 Wien

Weiterführende Info

Künstlerin
Cosima von Bonin
*1962 in Mombasa (KE), lebt und arbeitet in Köln (DE).

Kurator
Matthias Herrmann

Entwurf
Cosima von Bonin, Dirk von Lowtzow

Produktion
Saygel & Schreiber Berlin

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TAGEDIEBCosima von Bonin

Zeitraum

8. Mai – 31. Oktober 2010

U3 Herrengasse