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Temporär

Screen I-IIINevin Aladağ

Screen I-III

Screens sind für die Künstlerin Nevin Aladağ Tarnung, Paravent, Schleier, Schutzwand, Raster, aber auch Bildschirm und Projektionsfläche – also hybride Elemente, die gleichermaßen verstellen und schützen wie aufzeigen und abbilden. Das Besondere und besonders Reizvolle an diesen mobilen Wand- und Architekturelementen ist, dass sie das, was sie verschleiern, aufgrund ihrer Durchlässigkeit betonen und komplizieren. Das sich hinter der Schutzwand Befindende ist nicht ausgelöscht, sondern als Schatten, als Silhouette, als Abdruck sichtbar und spürbar. Es ist präsent, wenn auch im Detail nicht erkennbar. Es lässt ein Zugegensein, ein Erscheinen, eine Bewegung erahnen, ohne diese dem Blick preiszugeben.

Screens sind die modernen Nachfahren jener semitransparenten Ornamentwände und Holzgitter, die im arabischen Raum seit dem 12. Jahrhundert Verwendung finden. Die Maschrabiyyas haben einen eindrücklichen Beitrag zur Verschlüsselung und Geometrisierung des Sehens geleistet. In ihren kunstvollsten Ausformungen belegen sie die systematische und algorithmische Zerlegung und Konstruktion von Form und Figur. Durch sie wird der Blick nicht nur gebrochen, sondern er heftet sich buchstäblich an den Raster des Screens, dessen abstrakte Figurationen sich dem Sehen einprägen. Für den Kunsthistoriker Hans Belting verweisen solche Gitter auf „eine Sehkultur, in welcher die Geometrie, im Dialog mit dem Licht, eine stärkere Präsenz besaß als die zufälligen Erscheinungen der Dinge“ (Florenz und Bagdad: Eine westöstliche Geschichte des Blicks, 2008). Die Blickregelung, welche die Maschrabiyya administriert, ist nicht nur eine Schranke zwischen Privatem und Öffentlichem, sondern eine Verschlüsselung, eine Kodifizierung des Sinnlichen.

Aladağs drei Raumteiler am Wiener Graben – Screen I–III – bestimmten einen öffentlichen Ort, indem sie diesen temporär für sich beanspruchten. Wie Wandteppiche zierten sie die Flaniermeile, verstellten und verblendeten durch ihre steinerne Eindringlichkeit die innerstädtische Geschäftigkeit der Fußgängerzone. Sie markierten die Grenzen eines Raumes, bildeten Konturen und Achsen innerhalb eines Feldes der Bewegung, das durch Fassaden, Schaufenster und urbanes Mobiliar geregelt ist. Screens sind also auch Wände, Mauern, Grenzen, die ein Davor und ein Dahinter beschreiben, die Perspektiven und Endpunkte erzeugen. „Grenzen sind vieles. Materiell, architektonisch, konstruiert, symbolisch, gefühlt, fiktional und erinnert, verkörpert, gelebt, immer schon dagewesen – immer zu erwarten. Und dennoch: Es beginnt immer mit dem Körper“, schreibt die Theoretikerin Sandra Noeth („Bodies of Evidence“, unveröffentlichter Beitrag zu Olafur Eliasson: Green light, TBA21, 2016). Screens bilden also nicht nur Trennungslinien und Einschnitte, sie laden zur Performativität ein, fordern gemeinschaftliches und individuelles Handeln, setzen Blickregime in Bewegung und verhandeln Protokolle der Anwesenheit, die weder ganz privat noch wirklich öffentlich sind.

Pflastersteine aus weißem und dunkelblauem Rauriser Marmor und Waldviertler Granitkomposit, scheinbar in Schwebe, in unterschiedlichen Musterungen fixiert und doch sichtbar in drei freistehende Edelstahlrahmen eingespannt, erzeugten ein ornamentales, sowohl das Muster als auch den Stein verfremdendes Rauschen und Flirren. Auch der aus großformatigen Platten bestehende Bodenbelag in der Inneren Stadt am Graben und in der Kärntner Straße sowie die gepflasterten Gehsteige stammen aus einem Waldviertler Granitwerk.

Ist der Gedanke an die oberösterreichischen Steinbrüche von Mauthausen und St. Georgen an der Gusen in den Jahren 1938–1945 zulässig? An die Rolle von Granit als Folter- und Strafinstrument und an den lizenzierten Terror in den genannten Konzentrationslagern? Oder, dem Material auch eingeschrieben, an seine lange Geschichte als Schutzwall im Straßenkampf, als Wurfgeschoss und Waffe im revolutionären Auftrag? Beim Bau der Barrikaden der Pariser Kommune 1871 wurden die Pflastersteine direkt dem Straßenbelag entnommen und auf Karren und Wagen gestapelt. Der Stein galt jahrzehntelang als proletarische Waffe des Klassenkampfes schlechthin, belegt unter anderem durch Iwan Schadrs realsozialistisches Meisterwerk Pflastersteine sind die Waffen des Proletariats von 1927, zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution angefertigt und auch heute noch in höchsten Ehren gehalten. Bis dann die Studentenrevolution im Mai 1968 den handlichen Stein für sich entdeckte und gegen das Establishment richtete. „Unter dem Pflaster, der Strand!“ (Sous les pavés, la plage!) war einer ihrer Schlachtrufe, als die erregten KämpferInnen unter dem Pariser Bodenbelag die alten Pflastersteine des 19. Jahrhunderts vorfanden und diese vor Ort einzusetzen wussten.

Nevin Aladağs Vorliebe für Polivalenzen und Vielstimmigkeiten war auch im wirkungsmächtigen Format des Öffentlichen oder gerade dort ersichtlich. Musterung und Wurfgeschoss, Orientalismen und Lokales, Verschleierung und Sichtbarmachung schrieben sich präzise ihrer Arbeit ein und ließen so einen öffentlichen Handlungsort entstehen, der eindeutigen Fixierungen widerstand. Indem sie sowohl die architektonischen Elemente der Screens als auch die Steinquader aus ihren gängigen Funktionalitäten löste, setzte sie Narrative und Bewegungsräume frei, die zu Handlungen anregten und zu Dispositiven des Erzählens wurden.

Text: Daniela Zyman

Ort

Kunstplatz Graben, Höhe Graben 21, 1010 Wien

Weiterführende Info

Künstlerin
Nevin Aladağ

*1972 in Van (TUR), lebt und arbeitet in Berlin (DE).

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Temporär

Screen I-IIINevin Aladağ

Zeitraum

3. Juni – 30. Oktober 2016

U3 Herrengasse

Schwarzstahl, Edelstahl, Pflastersteine aus Herschenberger Granit, weiße und dunkelblaue Pflastersteine aus Rauriser Marmor
3-teilig, je 303 x 160 x 65 cm
(Pflastersteine je 5 x 5 x 5 cm)

Termine

Presse

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