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Temporär

Schwule SauJakob Lena Knebl

Schwule Sau

Der/die KünstlerIn Jakob Lena Knebl inszenierte mit der Installation Schwule Sau ein temporäres Mahnmal für die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Homosexuellen, Lesben und Transgender-Personen. Bezeichnungen wie „schwule Sau“ oder „Mannweib“, die im täglichen Sprachgebrauch abfällig und abwertend verwendet werden, wurden hier absichtlich eingesetzt: Der Künstler griff damit Judith Butlers Theorie der Performativität des politischen Diskurses zur Hate Speech auf. Er machte sich und seinen Körper zur Ausstellungs- und Projektionsfläche und stellte sich in der Installation der Öffentlichkeit.

Judith Butler plädiert dafür verletzende Aussagen nicht zu untersagen oder unsagbar zu lassen, da man sie „damit möglicherweise festschreiben wird, sie so ihre Macht zu verletzen erhalten und mögliche Umarbeitungen blockieren, die ihren Kontext und ihre Zwecke verschieben könnten“ (Butler 2006, S. 66). Jakob Lena Knebl tat genau das: Die Künstlerin erinnerte in der Installationsarbeit daran, dass es in unserem Sprachgebrauch Begriffe gibt, die verletzen, und ließ es nicht zu, diese Worte hinter vorgehaltener Hand zu gebrauchen. Sie waren in der Arbeit auf Jakob Lena Knebls Körper geschrieben und konnten nicht einmal mit Absicht übersehen werden. Der trotz Bemalung offensichtlich nackte Körper des Künstlers stellte die Begriffe und letztlich auch diejenigen bloß, die sie diffamierend einsetzen wollten. Das war nun nicht mehr möglich, denn der Künstler kam dem zuvor: Er hatte sich die Bezeichnungen angeeignet, beleidigend gegen sich selbst eingesetzt und ihnen so die verletzende Schlagkraft entzogen, der sich Homosexuelle, Lesben und Transgender-Personen ausgesetzt sehen.

Der Künstler befasst sich mit Cultural Studies und wählt bewusst politische Themen. Es geht ihr darum, eine andauernde Auseinandersetzung mit Normen, Normativität und Idealen unserer Gesellschaft voranzutreiben. Wie Judith Butler, die neben Theorie auch ausdauernde Bemühungen fordert (Butler 2009, S. 325) will sie beitragen, soziale und politische Veränderungen auszulosen. Es ist eben diese ausdauernde Bemühung, die Jakob Lena Knebls Arbeit auch zu einer politischen Praxis macht.

In der Installation waren fotografische Abbildungen des Künstlers selbst zu sehen. Sie tragen den Titel Oskar und stellen den gewollten Bezug zu Oskar Schlemmer und seinem Triadischen Ballett her. Schlemmers Ansatz war, ein handlungsloses Theater als pure Kunstform zu inszenieren, das das Verhältnis von Mensch und Raum untersuchte. Die Kostüme der SchauspielerInnen waren, ausgehend von Linien, Diagonalen, Kreisen und Ellipsen, auf geometrischen Prinzipien aufgebaut. Jakob Lena Knebl bediente sich nun dieses suprematistischen Prinzips, indem sie die streng geometrischen Formen anstelle eines Kostüms direkt auf ihren Körper malte. Ihre füllige Körperform, die sie selbst als antiästhetisch bezeichnet, unterwanderte und deformierte die strenge Formensprache, die zu Zeiten des Suprematismus — zwischen etwa 1915 und 1930 — als die pure und künstlerische Form galt. Der Künstler brach mit dem Einsatz ihres Körpers die ästhetische, als schon geltende Formensprache. Dasselbe wiederholte sich in der verwendeten Farbpalette, die sich auf die Plakatkunst des Konstruktivismus wie auch auf Trends im gegenwärtigen Interieur Design bezog. So sahen die Installation und die fotografische Arbeit modisch aus und spekulierten bewusst damit, Gefallen zu finden. Einen weiteren Bruch führte die Künstlerin herbei — mitunter der wesentliche Teil Jakob Lena Knebls künstlerischer Praxis —, indem sie das als visuell angenehm Empfundene mit starken politischen Botschaften befüllte. Dies bezeichnet sie als „trickery“ (Schwindel) — etwas gibt vor, etwas anderes zu sein als der eigentliche Inhalt und erschleicht sich dadurch die Aufmerksamkeit der BetrachterInnen.

Dass ein Erschleichen von Betrachtung heute immer noch notwendig ist, machte die Installation nicht nur zu einem Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus. Es steht auch für die Menschen, die heute nach wie vor durch Intoleranz, Hass und erklärtes Unverständnis verfolgt werden.

Text (gekürzt): Miriam Kathrein

Judith Butler, Haß spricht: Zur Politik des Performativen, Frankfurt am Main 2006
Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt am Main 2009

Ort

Morzinplatz, 1010 Wien

Weiterführende Info

KünstlerIn

Jakob Lena Knebl
*1970 in Baden (AT), lebt und arbeitet in Wien
jakoblenaknebl.com

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Temporär

Schwule SauJakob Lena Knebl

Zeitraum

15. Mai – 17. April 2014

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