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Temporär

raising the barSimone Zaugg

raising the bar

Die Künstlerin Simone Zaugg hat für den Naschmarkt ein temporäres Mahnmal für die homosexuellen und transgender NS-Opfer konzipiert. Formal an das bestehende Metallgeländer der Flohmarktmeldestelle an der Kettenbrückengasse anschließend, entwarf Simone Zaugg ein labyrinthisches Geländersystem, das stetig ansteigt. Wahrgenommen werden kann es sowohl als metaphorische Zwangsjacke wie auch als spielerischer Parcours.

Als abstrakte Skulptur thematisiert das Geländerlabyrinth Einschlüsse und Ausschlüsse, das Gefangensein und das Durchschlüpfen sowie ein Ordnungssystem, das sich ausweitet. Als Mahnmal erinnert seine Struktur, die den Körper in seinen Bahnen lenkt, ganz physisch an den Zwangsapparat der „Heteronormativität“, die unsere Gesellschaft als Weltanschauung bis heute prägt, die Heterosexualität als soziale Norm postuliert und damit einen Standard vorgibt, an dem alles gemessen wird.

Dass polare Geschlechtsidentität und heterosexuelle Normierung jedoch Resultate diskursiver Regulierungsverfahren und keineswegs „natürliche Einheiten“ sind, gehört heute zu den Grundkenntnissen von Gender- und Queer-Studies. Die „Homosexualität“, wie wir sie heute kennen, wurde erst im 19. Jahrhundert erfunden. Seit damals wird sie pathologisiert, um die Normalität der Heterosexualität im Kontrast festzuschreiben. Unsere Vorstellungen von „Geschlecht“ und „Geschlechterrolle“, die durchaus einer Art Zwangsjacke gleichen, werden performativ und durch Wiederholung eingeübt. Der diskursiven Macht der heterosexuellen Matrix kann man nicht entkommen. Da es kein Außerhalb von ihr gibt, gilt es Judith Butler zufolge, den bewussten Umgang mit den bestehenden Machtstrukturen permanent zu üben. Simone Zauggs Geländerkäfig erinnert entsprechend an engmaschige Zwangsstrukturen, die bearbeitet und aufgedehnt wurden und dadurch neue Freiräume zulassen. Der Titel ihrer Arbeit raising the bar ist eine englische Redewendung und benennt das Höherlegen einer Messlatte. Gleichzeitig erleichtert das Ansteigen des Geländers aber das physische Hindurchschlüpfen, das Unterwandern der Barrieren und somit das Verlassen und Überwinden des vorgegebenen Systems. Der Titel vermittelt damit die Ambivalenz zwischen unerreichbaren Maßstäben und der Idee von Barrieren, die beseitigt werden können.

Das Bild einer Messlatte, die immer höher gelegt wird, erinnert auch an die absurde Situation von Homosexuellen als „Opfer zweiter Klasse“. Lange wurden sie als Opfer der NS-Zeit gar nicht anerkannt. Auch wenn Homosexualität von 1852 bis 1971 in Österreich strafbar war, stiegen Strafmaß, Häufigkeit der Verurteilung und Ermordung in der NS-Zeit enorm an. Die Nazis begannen nach ihrer Machtübernahme in Deutschland bereits 1933, gezielt homosexuelle Infrastruktur, Freiräume, Treffpunkte, Vereine und Zeitschriften zu zerstören und zu verbieten. Schwule und Lesben lebten eingeschüchtert, verfolgt und unter ständigem Zwang zur Tarnung. Dennoch wurden Homosexuelle vom österreichischen Opferfürsorgegesetz erst ab 2005 akzeptiert.

Als Künstlerin arbeitet Simone Zaugg, die in der Schweiz geboren wurde und heute großteils in Berlin lebt, meist in Form von Interventionen und Performances mit vorgefundenen sozialen, architektonischen und historischen Gegebenheiten. Ziel ist dabei immer, einprägsame und herausfordernde Bilder für unsere Zeit zu finden. Ein Thema, das Simone Zaugg ständig begleitet, ist der öffentliche Raum. Zusätzlich zu ihren Projekten, die sie als Künstlerin im öffentlichen Raum und in institutionellen Kunsträumen realisiert, betreibt sie in Berlin-Moabit bereits seit 2006 gemeinsam mit dem Künstler Pfelder den Projektraum Kurt-Kurt, für den sie immer wieder KünstlerInnen einlädt, Prozesse im öffentlichen Raum in Gang zu setzen. Dass sie dabei stets mit Machtstrukturen konfrontiert ist, die Sichtbarkeiten und Gestaltungen im öffentlichen Raum regulieren, liegt auf der Hand.

Noch ausgeprägter ist die Präsenz von Machtstrukturen bei Denk- und Mahnmalen. In einem gewissen Sinne hat Simone Zaugg mit ihrem Werk auch diese basalen Strukturen bearbeitet. Der Historiker Reinhart Koselleck formulierte einst, dass Denkmäler „mehr über die Zeit ihrer Errichtung aussagen als über die Vergangenheit, auf die sie sich beziehen“. Denkmäler und die Prozesse, die ihnen vorausgehen, spielen tatsächlich eine wichtige Rolle als Ausdrucksformen von gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnissen und Kräftefeldern. Text: Cosima Rainer

„Die Installation ist ein Sinnbild, ein Erlebnis und eine Metapher, die das Publikum einlädt, im Gehen und Weitergehen zu gedenken und mitzudenken.“ Simone Zaugg

Andreas Pretzel (Hg.), NS-Opfer unter Vorbehalt. Homosexuelle Männer in Berlin nach 1945, Berliner Schriften zur Sexualwissenschaft, Band 3, Münster u. a., LIT Verlag 2002, S. 15.

Ort

Naschmarkt (Kettenbrückengasse/Landparteienplatz gegenüber Marktamtsgebäude), 1060 Wien

Weiterführende Info

Künstlerin
Simone Zaugg
*1968 in Bern (CH), lebt und arbeitet in Berlin (DE) und Bern (CH).
simonezaugg.net

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Temporär

raising the barSimone Zaugg

Zeitraum

28. April – 16. August 2016

U4 Kettenbrückengasse

Stahlrohre
325 x 900 x 500 cm