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Quantitative Easing (for the street)Axel Stockburger

Quantitative Easing (for the street)

Wenn sich die vielzitierten Antipoden der modernen Wirtschaftslehre, John Maynard Keynes und Friedrich August Hayek, in einem einig waren, dann im Hinblick auf die destabilisierende Wirkung fehlenden Vertrauens. Durch die seit Jahren grassierende Finanzkrise werden dieser Vertrauensverlust und die Wirkmächtigkeit sozialer Beziehungen über ökonomische Parameter hinaus in grelles Licht getaucht: Vertrauenskrisen sind eine Form von Mangel, die das Klima kapitalistischer Tauschbeziehungen austrocknen lässt.

Axel Stockburgers Intervention im öffentlichen Raum richtete unsere Aufmerksamkeit auf eine solche Situation und verwies damit auf einen Klimawandel im Gefüge der globalen Ökonomie, deren gegenwärtige Krise jedoch nicht mehr von Mangel, sondern von Fülle gekennzeichnet ist. Der Künstler bereicherte den Graben durch ein skulpturales Objekt, dessen Werthaltigkeit sich den Passanten erst mittels seiner performativen Qualität offenbarte: Ab 27. Mai 2014 schüttete ein augenscheinlich vergoldeter Geldspeicher an einem der liquidesten Orte Wiens Geld in Form von Euromünzen aus. Der horizontale Fluss der Menschen wurde für die Dauer der Inszenierung von einem zufallsgesteuerten Fluss begleitet, der zur Teilnahme einlud. Quantitative Easing (for the street) schloss niemanden aus, sondern erlaubte es allen – Flaneuren, Touristen, Konsumenten, Geschäftsleuten, Bettlern und Anwohnern – Münzen zu nehmen und zu verteilen.

Das von Muntean/Rosenblum kuratierte Projekt thematisierte auf der wohl traditionsreichsten Flaniermeile und Geschäftsstraße Wiens die Unbeständigkeit, Flüchtigkeit und Ungleichheit ökonomisch definierter Werte. Quantitative Easing (for the street) reiht sich in eine lange Tradition künstlerischer Auseinandersetzungen ein, die sich dem sozialen Phänomen wirtschaftlicher Dominanz und dessen Erscheinungsform Geld widmen. Wie in früheren Arbeiten, in denen Stockburger gegenwärtige Medien wie Filme, Videos und Computerspiele und ihre sprachlichen, gestischen und materiellen Konventionen untersuchte, galt in diesem Fall sein Interesse sozialen Fiktionen, die sowohl durch Ökonomie als auch Kunst geschaffen werden. Beide beruhen auf Abmachungen und unterliegen dem Wandel. Sie bestimmen unsere Weltanschauung, gerade weil sie konstruiert sind.

Ökonomische wie künstlerische Fiktionen sind fragil und spekulativ. Während Kunst Gegenwart nutzt, um Wirklichkeit im Erscheinungsbild zu reflektieren, produzieren Finanzmärkte ein Erscheinungsbild, das sich als zukünftige Wirklichkeit realisieren muss, wenn das quantitative Kartenhaus der Spekulationen und Investitionen nicht zusammenbrechen soll. Im Fall einer Wirklichkeit, in der die „Welt“ untergeht, kommt zum Vorschein, was wir als Wirtschaftskrise bzw. Schuldenkrise bezeichnen. Stockburgers Kunstprojekt setzte nach dem verheerenden Ereignis ein, das unsere globale Welt seit 2008 bestimmt. Es setzte dort an, wo eine neue Fiktion – die des sogenannten Quantitative Easing – diese Welt, vorgestellt als eine ökonomische, rekonstruiert. Quantitative Easing (for the street) war eine künstlerische Auseinandersetzung mit einer finanzpolitischen Konstruktion, die ein System retten soll, das bereits kollabiert war. Was dies für die dadurch veränderte soziale Wirklichkeit bedeutet, inwieweit Geld und Kunst als Fiktionen Welt schaffen und worauf wir vertrauen bzw. wem wir Vertrauen schenken, sind die Fragen, die Stockburger nicht nur sich selbst, sondern all jenen stellte, die sich am Graben tummelten.

Der Künstler holte Quantitative Easing von der Börse auf die Straße – und damit auf das Terrain der Allgemeinheit, deren soziales Kima sich in ihrer Verschuldung spiegelt. Die Münzen, die Stockburger im Kasino des ökonomisierten öffentlichen Raums warf, waren nicht viel mehr als zufallsgesteuerte Tropfen auf den heißen Stein einer sozialen Wirklichkeit, deren Wertfundament auf automatisierten Transaktionen und wahrscheinlichkeitstheoretisch konstruierten Preisen beruht.

Stockburgers Intervention im öffentlichen Raum stellte die brennende Frage, was uns Geld, Wertschöpfung und Verteilungsgerechtigkeit bedeuten. Worauf beruhen ihre sozialen, ökonomischen und künstlerischen Fiktionen, welche Begehren verwirklichen sie, was bedeutet Partizipation? Hier kam schließlich der politische Horizont der Straße ins Blickfeld, auf dem die Münzen zu liegen kamen: Repräsentative Demokratien, zum Derivat ökonomischer „Not-Wendigkeit“ verkommen, schaffen das Klima für eine nun politisch-rechtliche Erscheinungsform von Quantitative Easing, indem sie eine gesellschaftliche Liquidität beschwören, die gleichzeitig verspielt und liquidiert wird.

Quantitative Easing (for the street) bot Gelegenheit, über den Schwindel zu reflektieren, der uns und unsere soziale Wirklichkeit erfasst und mitgerissen hat. Darüber hinaus erinnerte uns der Künstler daran, dass die Straße der Ort „sozialer Transaktionen“ (Stockburger) ist, auf der nicht nur Kapital zählt, sondern sich letztendlich ästhetisches, soziales und politisches Vermögen verwirklicht und Raum schafft.

Text (gekürzt): Gerald Nestler

Ort

Kunstplatz Graben, Höhe Graben 21, 1010 Wien

Weiterführende Info

Künstler
Axel Stockburger
* 1974 in München (DE), lebt und arbeitet in Wien.
stockburger.at

Kuratoren
Muntean/Rosenblum

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Quantitative Easing (for the street)Axel Stockburger

Zeitraum

27. Mai – 27. Oktober 2014

U3 Herrengasse

Eisenformrohrrahmen, Stahlblech, Verteilerkegel, Münzauswurfsteuerung, Zufallsgenerator, Schlagmetallvergoldung
277 cm, Durchmesser 100,6 cm

Termine

Presse

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