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Temporär

Mahnmal gegen den Mythos des ersten OpfersMarko Lulić

Mahnmal gegen den Mythos des ersten Opfers

Ausgangspunkt dieser temporären künstlerischen Intervention von Marko Lulić war jener Gedenkstein am Mexikoplatz, der in seiner Ambivalenz einerseits an den solitären Protest Mexikos im März 1938 gegen den „Anschluss“ Österreichs erinnert und sich andererseits der Begrifflichkeit des „gewaltsamen Anschlusses“ bedient und somit den Mythos von Österreich als „erstem Opfer“ stützt, der die gesamte österreichische Nachkriegszeit prägt.
Das Mahnmal gegen den Mythos des ersten Opfers präsentierte sich gleichermaßen als Kommentar und Ergänzung zu dem bestehenden Denkmal, das 1985 durch Bürgermeister Helmut Zilk und den damaligen Botschafter von Mexiko in Wien, Roberto de Rosenzweig-Díaz, enthüllt wurde. Die Inschrift darauf lautet: „Mexiko war im März 1938 das einzige Land, das vor dem Völkerbund offiziellen Protest gegen den gewaltsamen Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich einlegte. Zum Gedenken an diesen Akt hat die Stadt Wien diesem Platz den Namen Mexiko-Platz verliehen.“

Gegen die Konstruktion und Aufrechterhaltung der „Opferlüge“ stand die Zahl „99,73“. Sie gab den Anteil der Ja-Stimmen bei der Volksabstimmung über den „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland am 10. April 1938 in Prozenten wieder. Das 3,20 m hohe, in Stahl ausgeführte Billboard, das die Zahl „99,73“ zeigte, und die Stahlplatte mit einem Vermittlungstext wurden von Marko Lulić anlässlich des 70. Jahrestages des „Anschlusses“ Österreichs umgesetzt. Obwohl etwas über fünf Prozent der Wahlberechtigten aus Gründen rassistischer und politischer Verfolgung das Stimmrecht entzogen wurde und die Abstimmung durch Einschüchterung und Propaganda verfälscht war, zeigt das Ergebnis den geringen Widerstand der ÖsterreicherInnen gegen das neue Regime. Der „Anschluss“ wurde zwar durch den Einmarsch bewaffneter deutscher Truppen eingeleitet, verlief aber keineswegs gewaltsam, wie die Aufschrift auf dem Gedenkstein behauptet.
Die deutschen Truppen wurden von der bereits im Amt befindlichen nationalsozialistischen Regierung und von einem großen Teil der österreichischen Bevölkerung mit Jubel und Zustimmung begrüßt.
Trotz des 1938 fehlenden Protests fast aller offiziellen Vertreter Österreichs wurde der Mythos von Österreich als „erstem Opfer“, den nur wenige Überlebende nachträglich für sich beanspruchen konnten, zur identitätsstiftenden Formel für die Zweite Republik. Das ermöglichte es Tätern wie Mitläufern, sich nach dem Krieg als Opfer darzustellen. Der Opfermythos erlaubte auch die Verschleppung der Restitution und Rückholung der Vertriebenen – man hatte sich kollektiv in die „Opferrolle“ begeben.
Mit dem Mythos von Österreich als „erstem Opfer“ nationalsozialistischer Herrschaft, der sich langsam aufzulösen beginnt, korreliert nicht überraschend der Mythos, dass Österreich kein Einwanderungsland ist. Dafür ist der Mexikoplatz als zentraler Kommunikationsort für die verschiedensten Ethnien der überzeugendste Gegenbeweis.

Ort

Parkanlage des Mexikoplatzes, 1020 Wien

Weiterführende Info

Künstler
Marko
Lulić
*1972 in Wien (AT), lebt und arbeitet in Wien.

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Temporär

Mahnmal gegen den Mythos des ersten OpfersMarko Lulić

Zeitraum

10. April – 10. April 2009

U2 Vorgartenstraße