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Kunstgastgeber Gemeindebau: Rennbahnweg 27mehrere KünstlerInnen

Kunstgastgeber Gemeindebau: Rennbahnweg 27

Dem Projekt Kunstgastgeber Gemeindebau diente 2013 der weit gefasste Begriff der „informellen Wissensproduktion/-vermittlung“ als Leitfaden. Hinter dem Motiv des „Wissenteilens/Könnenwollens“ steckt neben Sehnsüchten die individuelle Neugierde, ein bestimmtes Ziel erreichen, eine bestimmte Fertigkeit/Fähigkeit erlernen und/oder vermitteln zu wollen. Das betraf die teilnehmenden KünstlerInnen wie auch die teilnehmenden BewohnerInnen.

Um eine Version dieses „Fähigkeitenteilens/ Wissenwollens“ in die Tat umzusetzen, unterstützten KünstlerInnen und BewohnerInnen sich gegenseitig, inspiriert von den eigenen Wünschen und Fertigkeiten und jenen des Gegenübers. Egal ob realistisch durchführbar oder nicht — der Weg war hierbei wirklich das Ziel.

Angelehnt an diese Fragen entstand ein Pool an informellem Wissen, ein Austausch von Inspirationen, Fähigkeiten und unterschiedlichsten „Un-/Vorstellbarkeiten“ — vor allem aber eine Dynamik zwischen dem eigenen „Könnenwollen“ und „Können“ und jenem des anderen.

Text: Gerald Straub

Alfredo Barsuglia zu Gast bei Samim Sismanoglu
Samim Sismanoglu hat Archäologie, Ethnologie und Anthropologie studiert. Auf einem Tisch lagen verschiedene Abbildungen und gesteinsartige Objekte. Eines der Stücke hatte einen Sonderstatus, präsentiert in einer Vitrine und beschriftet als „Eisenmeteoritdolchklinge, 3100 v. Chr., Reich der Hethiter, Replika, Wien Donaustadt, 2013“. Samim Sismanoglu berichtete den BesucherInnen, wie einst die Eisenverhüttung begann. Er erzählte von frühen Waffen, gefertigt aus Meteoriten, und vom Dolch des Tutanchamun. Zugleich zeichnete Alfredo Barsuglia auf einem an die Balkontür gehefteten Blatt Papier das Diagramm eines modernen Hochofens. So trafen alle Arten von Wissensvermittlung zusammen: Schaubild, fotografisches Material, Text, gesprochene Sprache und Anschauungsobjekte. Ebenso verschränkten sich Vergangenheit und Gegenwart wie auch das Wissenschaftliche und das Imaginäre, Realität und Fiktion. So war die „Eisenmeteoritdolchklinge“ tatsächlich „nur“ eine Material gewordene archäologische Fantasie, ein sensationelles Fundstück, das es so nie gegeben hat.

Carla Bobadilla zu Gast bei Emma Schuh
Ein Hobby von Emma Schuh ist das Knüpfen von Perlenketten, ihre Wohnung ist ihr Atelier. Es lag nahe, das Handwerk der Gastgeberin und die fotografische Praxis von Carla Bodadilla zu einer künstlerischen Gemeinschaftsarbeit zusammenzubringen. So thematisierte eine vierteilige Fotoarbeit in der Wohnung den handwerklichen Prozess. Der zweite Teil der Arbeit befand sich im halböffentlichen Gang vor der Erdgeschosswohnung: Die Künstlerin hatte fünf aus der Froschperspektive aufgenommene Teilansichten des Wohnblocks zu einem langgestreckten Fassadenpanorama zusammengesetzt. Ihnen waren fünf leicht unterschiedliche, überwiegend in Rot gehaltene Perlenketten zugeordnet.

Pablo Chiereghin zu Gast bei Nesrin Ay
Nesrin Ay und der Künstler Pablo Chiereghin haben beide Erinnerungen ans Meer. „Ich vermisse das Meer“. Dieses persönliche Eingeständnis wurde mit diesem Projekt nach außen gekehrt: als Banner, das die ganze Balkonbrüstung einnimmt. Was aber würde passieren, wenn in einer Stadt wie Wien jeder das, was ihm oder ihr schmerzlich fehlte, derart nach außen transportierte? Es wäre eminent politisch. Während sich also draußen der Satz an die Außenwelt richtete, waren es in der Wohnung Bild und Ton, die das Nichtvorhandene herbeizitierten. An der Wohnzimmerwand hing eine leere Leinwand und Pinsel, Farben und Palette standen bereit. Die Anwesenden wurden aufgefordert, für die Familie ein Bild zu malen, das in der Wohnung bleiben sollte. Für die meisten Malenden ist das Meer „nur“ ein Urlaubsziel. Sie malten es für Nesrin Ay, welche die See als konkrete Erfahrung kennt, als Teil einer verlorenen Heimat.

Fanni Futterknecht zu Gast bei Agnes Wohlrab
Wer war Künstlerin, wer Gastgeberin? Fanni Futterknecht schlüpfte in die Rolle von Agnes: „Als Kind wollte ich immer einen Petticoat haben. Ich habe aber nie einen bekommen“, sagte Fanni/Agnes und erzählte von den Helden ihrer Kindheit, vom Rock ’n’ Roll und von den Dingen, die sie im Laufe der Jahre zusammengetragen hat. „Das alte Radio habe ich gut behütet, weil ich sehr daran hänge. Und wenn es regnet, spielt es manchmal leise Musik.“ Und von irgendwo aus der Wohnung erklang tatsächlich Musik, wurde lauter und stand schließlich leibhaftig im Raum: Elvis-Interpret Ron Glaser spielte Gitarre — „You were always on my mind“. Nachdem der Song verklungen war, erzählte nunmehr die Gastgeberin, dass das Tanzen durch ihre Tochter für sie wieder Bedeutung bekommen habe. Daran sollten auch die BesucherInnen teilhaben und so gab Agnes Wohlrab einen Instant-Tanzkurs und lehrte die BesucherInnen den Grundschritt des Rock ’n’ Roll.

Noah Holtwiesche zu Gast bei Brigitte Endl
Eine Kristallvase ohne Blumen auf dem Tisch — oder vielleicht doch? Blumen der Erinnerung an frühere Reisen: Urlaubsfotos auf weißen Papierfahnen, kreisrund und schwarz umrahmt. Die Bilder zeigten Exotisches, Außereuropäisches, Orte besonderer Reisen der Gastgeberin. Die Anwesenden suchten sich eine Fahne aus — eine Art magisches Ritual, um Brigitte Endl geradezu „herbeizuzaubern“. Sie trat auf, stellte sich vor, erzählte Fahne für Fahne Geschichten von ihren Reisen — und verließ den Raum. Noah Holtwiesche dankte für die Aufmerksamkeit. Die BesucherInnen mögen draußen die Augen offenhalten … Dort stand Brigitte Endl mit einer großen weißen Fahne in den Händen, darauf ein schwarzer Ring wie ein Rahmen. Anders als in der Wohnung war dieser Rahmen leer. Das Bild, das den Kreis füllen könnte, gab es noch nicht. Oder es war gerade in diesem Moment in der Rennbahnsiedlung dabei, sich zu erfüllen.

Isabella Kohlhuber zu Gast bei Helga und Reinhold Kaufmann
„Paradiese der Tiere“ — ein „Schauspiel in einem Akt“: Die Wohnung der Kaufmanns wurde zur Bühne, ihre Einrichtung zu Kulissen und Helga und Reinhold Kaufmann zu DarstellerInnen ihrer selbst. Das Ehepaar Kaufmann saß am Tisch, auf dem Kuchen für die Gäste stand. Reinhold Kaufmann stickte, seine Frau blätterte in einem Reiseprospekt, untermalt von einer Klangcollage aus Tonspuren von Natur- und Tierdokumentationen. Die Künstlerin kommentierte die Situation: Die Kaufmanns waren mehrmals in Tunesien und würden gerne auch Länder südlich der Sahara kennenlernen. Doch was für eine Wirklichkeit erlebten die BesucherInnen hier? Das gängige Bild von Afrika pendelt zwischen Überheblichkeit und schlechtem Gewissen, zwischen „Out of Africa“ und „Heart of Darkness“, zwischen Bewunderung und Entsetzen. Was sollte mich hindern, mich meinem „Afrika“ hinzugeben, um nicht hier, nicht jetzt, nicht „selbst“ zu sein?

Michikazu Matsune zu Gast bei Jadwiga Guirguis
An einer Wohnzimmerwand hingen Postkarten, die verschiedene Motive aus der Wohnung zeigten. Farblich und gestalterisch griffen sie den allgemeinen Charakter der Wohnung auf und zugleich hatten sie etwas Entrücktes, Unpersönliches. Fensterausblicke waren ebenso dabei wie Detailaufnahmen, ein Traumfänger oder die Bedienungseinheit einer Spielkonsole. Auf der Rückseite stand, wie von Hand geschrieben, „Liebe Grüße aus dem Rennbahnweg“. Die Gäste wählten eine Karte und notierten einen Adressaten ihrer Wahl. Es konnten Briefmarken erworben und die frankierten Karten in einen original postgelben Briefkasten geworfen werden, der im Gang vor der Wohnung stand — wie eine Skulptur inszeniert, und doch ganz „Briefkasten“: Bei Projektende wurde er entleert und die Karten machten sich auf den Weg.

Michikazu Matsune zu Gast bei Saša Romanović
Dieses Kunstwerk ist ein Geschenk des Künstlers — an wen? Es liegt in einer verschlossenen Box. Darauf steht die Handlungsanweisung des Künstlers: „Bitte im Jahr 2113 öffnen!“ Nicht zu wissen, was ein Geschenkpaket enthält, bevor es tatsächlich geöffnet wird, gehört zum Ritual des Schenkens. Keine Chance zu haben, es jemals zu erfahren, weil es erst in 100 Jahren ausgepackt werden darf und somit die eigene Lebenszeit überschreitet und auch die der Kinder und vielleicht sogar Enkelkinder, ist eine Zumutung, zumindest gedanklicher Natur. Ein Öffnen vor der Zeit würde das Kunstwerk zerstören — materiell die Box und immateriell die Handlungsanweisung durch Missachtung derselben. Die Arbeit wird sich damit erst im Jahr 2113 erfüllen. Adressat unbekannt. Bekannt ist nur das Begleitschreiben: „Lieber Öffner dieses Geschenks“, beginnt es. Es spricht von der Familie Romanović in der Vergangenheit: Sie „lebten im Rennbahnweg 27.“

Stefan Röhrle zu Gast bei Osman Yildirim
Osman Yildirim steht im Raum, seine Kurzbiografie wird verlesen: Geburt in Stuttgart, im Alter von fünf Jahren Rückkehr der Familie in die Türkei, mit 18 Ankunft in Wien, Heirat mit einer Österreicherin, drei Töchter. Der Kurde arbeitet als Straßenreiniger bei der MA 48. Wichtige Eckdaten, aber nicht mehr als ein Gerüst. Was ist sonst noch zwischen den Streben? Ein Quiz holte es hervor: Acht Karten lagen auf dem Wohnzimmertisch, die alle angebliche Beschäftigungen oder Vorlieben Osmans beschreiben. Die BesucherInnen lasen sie nacheinander laut vor. In der Wohnung gab es Dinge, die zu den acht Aussagen über Osman passten, ähnlich Beweisen. Doch was war wahr, was falsch? Die Beschäftigung mit Nietzsche? Taekwondo, Schießsport oder Chorsingen? Hinweise für Einblicke in Osmans Persönlichkeit, in Vorlieben oder Marotten. Wer ist der Gastgeber überhaupt?

Maruša Sagadin zu Gast bei Horst Staudinger
Horst Staudinger ist Schlosser, er bekam es mit der Künstlerin Maruša Sagadin zu tun: Das gemeinsame Kunstwerk war ein vom Gastgeber am Computer entworfenes Stecksystem für einen Aussichtsturm. Es bestand aus gleichartigen Einzelteilen, die in eine zentrale Stütze eingehängt wurden. Die notwendigen Metallelemente wurden in einem spezialisierten Betrieb gefertigt. Der Turm stand auf einem Sockel und wurde als ästhetisches Objekt inszeniert, etwa durch Schattenbildung an der Wand. Sein Modellcharakter blieb trotzdem präsent: Auskragende Plattformen sind zum Innehalten und Genießen der Aussicht vorgesehen. Zwei bemalte Holzfiguren verdeutlichen den Maßstab — in realisierter Form wäre der Turm 8,5 Meter hoch. Am Fuß bereichert ein Kaffeeautomat das Gesamterlebnis: Ein Turm, der für alle da ist und zu einem Perspektivwechsel ganz körperlicher Art einlädt — zu einem Blick von oben auf die Welt.

Nicole Six und Paul Petritsch zu Gast bei Verena Leitner
Aus der Wohnung trat man auf eine geräumige Terrasse mit viel Grün: einem breiten Grasstreifen, Büschen und Sonnenblumen. Mittendrin stand ein Tier, das hier kaum zu erwarten wäre — ein Pony — als wäre es hier daheim. Es war spektakulär, indem es einfach nur da war. Die poetische Wirkung dieses Anblicks war unmittelbar und bedurfte zunächst keiner Entschlüsselung. Doch es ging um mehr als um einen Akt der Verzauberung — nämlich um das, was dieser Akt an Gedanken auslösen kann. So fand etwas „Verrücktes“ statt, aus einer unmöglich anmutenden Kombination von Elementen wurde „eine mögliche Situation“, wie Paul Petritsch sagte. Und dass sie möglich ist, schlug als Kritik auf die Lebensverhältnisse zurück, vor deren Hintergrund oft vieles unmöglich scheint.

Projekttexte: in Anlehnung an Rolf Wienkötter, Stationen einer Reise durch die Rennbahnsiedlung, in: Kunst im öffentlicehn Raum GmbH (Hg.), Kunstgastgeber Gemeindebau. Rennbahnweg 27, 1220 Wien, Wien 2014.

Ort

Rennbahnweg 27, 1220 Wien

Weiterführende Info

KünstlerInnen

Alfredo Barsuglia
*1980 in Graz (AT), lebt und arbeitet in Wien
alfredobarsuglia.com

Carla Bobadilla
*1976 in Valparaíso (CL), lebt und arbeitet in Wien
carlabobadilla.at

Pablo Chiereghin
*1977 in Adria (IT), lebt und arbeitet in Wien
pablochiereghin.com

Fanni Futterknecht
*1979 in Wien, lebt und arbeitet in Wien
fannifutterknecht.com

Noah Holtwiesche
*1972 in Wyk auf Föhr (DE), lebt und arbeitet in Wien
pan-vienna.at

Isabella Kohlhuber
*1982 in Bad Ischl (AT), lebt und arbeitet in Wien
isabella-kohlhuber.com

Michikazu Matsune
*1973 in Kobe (JP), lebt und arbeitet in Wien
michikazumatsune.info

Stefan Röhrle
*1974 in München / Munich (DE), lebt und arbeitet in Wien
stefanroehrle.com

Maruša Sagadin
*1978 in Ljubljana (SI), lebt und arbeitet in Wien
marusa.sagadin.at

Nicole Six
*1971 in Vöcklabruck (AT), lebt und arbeitet in Wien

Paul Petritsch
*1968 in Friesach (AT), lebt und arbeitet in Wien
six-petritsch.com

Kurator

Gerald Straub

Filmdokumentation

Michael Gartner

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Kunstgastgeber Gemeindebau: Rennbahnweg 27mehrere KünstlerInnen

Zeitraum

16. – 30. Oktober 2013

U1 Rennbahnweg

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