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Kunstgastgeber Gemeindebau: Herweghhof/​Matteottihof/​Metzleinstalerhof/​ReumannhofNikolaus Gansterer, Michael Hieslmair, Nicolas Jasmin, Annja Krautgasser, Sonia Leimer, Lazar Lyutakov, Gerald Nestler, Julia Rosenberger, Ruby Sircar, Evamaria Trischak, Thomas Wolkinger

Kunstgastgeber Gemeindebau: Herweghhof/​Matteottihof/​Metzleinstalerhof/​Reumannhof

Elf BewohnerInnen aus vier Gemeindebauten im 5. Bezirk wurden ausgewählt und mit jeweils einer beziehungsweise einem der insgesamt elf KünstlerInnen zusammengeführt. Im Oktober 2012 waren ihre Wohnungen im Zuge von Führungen über einen Zeitraum von zehn Tagen öffentlich zugänglich. Mit dem zentralen Thema Orte und Objekte der Leidenschaft ging es um das Generieren von Assoziationsketten zwischen BewohnerInnen und KünstlerInnen mit dem Ziel, Ideen zu realisieren, die vom Prozess ihrer Entstehung geleitet wurden: Von Engeln bis Kakteen, von Mangas bis Gartenzwergen, von Klangschalen bis Felsbrocken; Tanzschritte, Weltempfänger, Revolutionäre, Pokale, Kajüten und Perlenvorhänge – es gab eine Menge an verborgenen und offensichtlichen Leidenschaften mit unzähligen Anknüpfungspunkten.

Was zählte, waren die während des Projekts entstandenen Geschichten, die zu bleibenden Erinnerungen aller Beteiligten geworden sind.

Der Erfolg dieses Projekts lag in der Offenheit der Erwartungen – es gab kein „Einlösen“ von vordefinierten Zielen, sondern vor allem eine Basis für das Entstehen von neuen Erfahrungen. Der Weg wurde dadurch auch das Ziel. Die in dieser Zeitspanne entstandenen Projekte wurden in Retrospektive vor allem bei den BesucherInnen oft als eine in elf Kapiteln dicht zusammenhängende Geschichte erfahren. Eine besondere Form der Nachhaltigkeit entstand: eine Collage an Eindrücken, die zu neuen Perspektiven ermutigte.

Text: Gerald Straub

Nikolaus Gansterer zu Gast bei Sanela Jovanovic: Learning by Drawing: The Second Hand Manga Story
Die Gastgeberin und der Künstler interessieren sich beide für Zeichnung und an Japan und nahmen dies als zentralen Ausgangspunkt für das Projekt. Hierbei sagte Sanela Jovanovic dem Künstler Anweisungen vor und er zeichnete hierzu, ohne sie dabei zu sehen einen japanischen Manga-Comic. So war „Manga“ ein unmittelbares Mittel zur Kommunikation, aber auch ein Wahrnehmungsinstrument, um unterschiedliche Zeichenkulturen und Lesarten zu erforschen. Durch das öffentliche Übersetzen einer Bildgeschichte in eine andere wurden die Un-/Möglichkeiten von Sprache spielerisch hinterfragt und zwischen Sichtbarem und Sagbarem neu verhandelt.

Michael Hieslmair & Thomas Wolkinger zu Gast bei Hermann Tillich: Luxus
Luxus war als mehrteilige Installation rund um den Garten von Zorica und Hermann Tillich im Reumannhof angelegt: Ein Plakat zu einem Schlagerevent samt Audioinstallation – ein Gespräch der Gastgeber über gute Musik – war am Gürtel befestigt, an dem vergitterten Zugang von dort zu einem unter dem Garten der Gastgeber liegenden Kellerraum. Direkt am Garten war eine Tafel angebracht sowie eine zweite Audioinstallation, die über die „Geschichte“ des unterirdischen Raums vom Schutzbund-Treff über einen Schießstand bis zum Clubraum zu informieren behaupteten.

Nicolas Jasmin zu Gast bei Lotfi Garouachi: Die Reise
Nicolas Jasmin durfte einmal in einem Avions Voisin C7 mitfahren, einem Auto der Avantgarde und Modernisten der 1920er-Jahre, wie auch Man Ray eines besessen hatte. Die Gastgeber dagegen haben kein Auto. So unternahm der Künstler mit ihnen in einem Avions Voisin C7 eine filmische Zeitreise: In der Wohnung der Gastgeber zeigte der Künstler ein Video, in dem dieser Wagen eine zentrale Rolle spielt – eine von ihm neu geschnittene Version des Films Les Mystères du Château de Dé von Man Ray von 1929. Diese neue Version zeigt die Fahrt von Man Ray und Jacques-André Boiffard von Paris nach Hyères. Ergänzend stand ein Exemplar der Kühlerfigur des Autos in der Wohnung, umgeben von Pokalen, einer Bakelitradiosammlung und einem schwarzen Miniaturkamel.

Annja Krautgasser zu Gast bei Stella Deutsch: Der andere Raum
Stella Deutsch wohnt in einer kleinen Zweizimmerwohnung, nutzt aber nur ein Zimmer. Das andere war „überflüssig“ und „negativ beladen“. Sie betrat das Zimmer nur, um sich umzukleiden. Genau um dieses Zimmer drehte sich das Projekt: eine irritierende Rauminszenierung zu Fragen rund um das Thema Wohnen. Hierzu ergänzte die Künstlerin das Mobiliar und arrangierte alles neu. Die BesucherInnen des „anderen Zimmers“ bemerkten, dass „etwas nicht stimmte“: Warum wirkte dieser Raum so anders? Warum waren die zwei Räume so unterschiedlich? Wohnte hier eine weitere Person? Stella Deutsch war vom Wandel des Raums positiv überrascht. Auf ihren Wunsch blieb das Zimmer später so erhalten.

Sonia Leimer zu Gast bei Immaculée Neuberg: Arrangement
Gemeinsam mit der Gastgeberin hat die Künstlerin Objekte und Pflanzen aus ihrer Wohnung und dem Atelier ausgesucht und zu einem Arrangement zusammengestellt. Als Sockel für die Arbeit diente eine Wiener Kommode, in die ein Weltempfängerradio integriert war.

Lazar Lyutakov zu Gast bei Roman Franzoi: Hoher Sonnblick/Lampe #32, Roman
Der Künstler platzierte einen acht Kilogramm schweren Stein, den der Gastgeber aus den Bergen heruntergeschleppt hatte, auf einem mit Blei ummantelten Podest. Da Blei sehr weich ist, ist es schwierig, glatte Oberflächen zu schaffen. Daher wirkt das Podest trotz des Gewichts etwas „organisch“. Theatralisches, improvisiertes Licht verlieh der Arbeit einen Rahmen: Aus einer alten Vase schuf der Künstler eine Lampe, die dem Gastgeber blieb und nun seine Kakteen beleuchtet.

Gerald Nestler zu Gast bei Siegfried Schönauer: Intervention
Gerald Nestlers Projekt fand im „Semmerl“ statt, einem Café, geführt vom Kunstgastgeber Sigi Schönauer. Für das Projekt lieh sich Gerald Nestler eine in Beton gegossene Handskulptur, für ihn ein Symbol der Arbeiterbewegung in Bezug zu Gemeindebauten. Die Faust „überwinterte“ in einem Kühlschrank mit Glastür, der wiederum auf einem Ofen stand, bis „jemand“ sie herauszunehmen und „aktivieren“ würde. Zudem befestigte Nestler einige Passagen der letzten Parlamentsrede des italienischen Politikers und Faschismusgegners Giacomo Matteotti von 1924 auf semitransparenter Folie an der Eingangstür. Zuvor löschte er alle auf die Faschisten hinweisenden Begriffe und lies diese Stellen leer. Parallel dazu lief ein bearbeiteter Video-Ausschnitt aus Il Delitto di Matteotti von 1973 über Leben und Tod Matteottis: genau der Moment, in dem Matteotti auf der Straße seinen Mörder traf.

Julia Rosenberger zu Gast bei Evelina Sabek: Born to Be Wild
Die Gräser und Farne der Arbeit Born to Be Wild bewegen sich ganz so, als würde der Wind durch ihre Blätter streichen. Sie tun dies auch ohne Luftzug in geschlossenen Innenräumen. Das Berühren und Aneinanderreiben der Blätter erzeugt sogar Klänge – eine Art Glockenspiel in imaginärem Wind. Die aus dem Wald stammenden Pflanzen wurden durch diesen Eingriff in der neuen Umgebung der Wohnung domestiziert. Nicht zuletzt das machte sie zu einem starken Sinnbild der Natur.

Ruby Sircar zu Gast bei Anna Stallecker: Helfende Elfen
Die Gastgeberin interessiert sich für Spiritualität – das traf einige Arbeitsthemen der Künstlerin, vor allem bei Fragen zu Freundschaft und Miteinander. Bei der Aktion wurden „Fanzines“ gefaltet, kleine Fan-Magazine, mit einem Text von Anna Stallecker und Ruby Sircar. Alle BesucherInnen erhielten einen Zippbeutel mit einem Auszug der Goethe-Pflanze, einer kurzen Information zu dieser Heilpflanze sowie dem Fanzine mit einem Mantra über die New-Wave-Volksspiritualität. Die BesucherInnen konnten Gastfreundschaft in Form selbstgemachter Marzipanfigürchen und Löwenzahnhonig kosten und Heilpflanzen mit nach Hause nehmen. Eine Klangschalenperformance von Anna Stallecker ergänzte das Projekt.

Evamaria Trischak zu Gast bei Maryan Taghizadeh: polyxenic series #3
Im Wohnzimmer von Maryan Taghizadeh wurde der dritte Teil von Evamaria Trischaks Performance-Videoserie polyxenic series gezeigt. Schauplatz des choreografierten Geschehens war die Dachterrasse eines ehemaligen Amtsgebäudes von 1929 im Bauhausstil. Im Hintergrund sind unter anderem die unverkennbaren Bauten des Herweghhofs zu sehen, die nur zwei Jahre zuvor errichtet worden waren. Die gespannte Atmosphäre der Choreografie, einer von Norma Espejel und der Künstlerin getanzten ritualisierten Bewegungsfolge, wurde durch eine Musikspur von Christian Fennesz noch verstärkt. Danach gab es ein Gespräch zwischen Gastgeberin und Künstlerin zum Thema Tanz.

ubermorgen.com zu Gast bei Karin und Johann Hornik: Sturmzeit
ubermorgen behandelte die Wohnung der Gastgeber als Ready-made. Zur Kontextualisierung wurden die Räume und die einzelnen Objekte einzig mit einer Bildlegende versehen und eine unsichtbare Rammstein-Appropriation textualisierte den Raum.

Ort

Herweghhof/Matteottihof/Metzleinstalerhof/Reumannhof, 1050 Wien

Weiterführende Info

KünstlerInnen

Nikolaus Gansterer
*1974 in Klosterneuburg (AT), lebt und arbeitet in Wien
gansterer.org

Michael Hieslmair
*1974 in Linz (AT), lebt und arbeitet in Wien
hieslmair.him.at

Nicolas Jasmin
*1967 in Toulouse (FR), lebt und arbeitet in Wien
nicolasjasmin.com

Annja Krautgasser
*1971 in Hall in Tirol (AT), lebt und arbeitet in Wien
annjakrautgasser.net

Sonia Leimer
*1977 in Meran (IT), lebt und arbeitet in Wien

Lazar Lyutakov
*1977 in Shabla (BG), lebt und arbeitet in Wien

Gerald Nestler
*1964 in Brixlegg (AT), lebt und arbeitet in Wien
geraldnestler.net

Julia Rosenberger
*
1980 in Innsbruck (AT), lebt und arbeitet in Wien
juliarosenberger.maschen.at

Ruby Sircar
*1975 bei Stuttgart (DE), lebt und arbeitet in Wien

Evamaria Trischak
*1972 in Österreich, lebt und arbeitet in Wien
4816.nsew.at

ubermorgen.com wurde 1995 von Lizvlx und Hans Bernhard gegründet:

Lizvlx
*1973 in Linz (AT), lebt und arbeitet in Wien und St. Moritz (CH)

Hans Bernhard
*1973 in New Haven (USA), lebt und arbeitet in Wien und St. Moritz (CH)

ubermorgen.com

Thomas Wolkinger
*1968 in Österreich, lebt und arbeitet in Graz (AT)

Kurator
Gerald Straub

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Kunstgastgeber Gemeindebau: Herweghhof/​Matteottihof/​Metzleinstalerhof/​ReumannhofNikolaus Gansterer, Michael Hieslmair, Nicolas Jasmin, Annja Krautgasser, Sonia Leimer, Lazar Lyutakov, Gerald Nestler, Julia Rosenberger, Ruby Sircar, Evamaria Trischak, Thomas Wolkinger

Zeitraum

10. – 19. Oktober 2012

Termine

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