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Kunstgastgeber Gemeindebau. Am Schöpfwerkmehrere KünstlerInnen

Kunstgastgeber Gemeindebau. Am Schöpfwerk

Ende der Fahnenstange. Vom Nehmen und Geben

Sechs KunstgastgeberInnen luden ein kunstinteressiertes Publikum in ihre unmittelbare Umgebung in das Schöpfwerk ein. Vor Ort wurde eine Reihe „performativer Interventionen“ präsentiert, die gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern bzw. Künstlerkollektiven entwickelt worden waren.

Die Impulse für die Arbeiten lieferten Biografien aus verschiedenen Epochen, unter anderen von Chucho el Roto, Rummu Jüri, El Lute, Enric Duran und Carmine Crocco. Diese Volkshelden wurden aufgrund ihrer „illegalen Umverteilungsarbeit“ berühmt. Daraus entstanden unabsehbare, ortsspezifische performative Eingriffe mit dazugehörigen Handlungsanweisungen zum Thema „Nehmen und Geben“.

Warum „Nehmen und Geben“? Gesellschaftspolitisch gibt es unterschiedlichste Vorstellungen von „Nehmen“ und „Geben“. „Beitragsnehmer“? „Beitragsgeber“? Wer nimmt? Wer gibt? Worauf beruht ein sozialer Frieden, der auf Ausgewogenheit aufgebaut ist, wenn diese aus der Balance gerät? Anders funktioniert ein „Nehmen und Geben“ als Austausch, der auf Gegenseitigkeit beruht. Ein Tauschakt, der sich selbst die Waage hält.
Was passiert jedoch, wenn selbstbestimmtes „Nehmen“ an seine juristischen, nicht aber an seine moralischen Grenzen stößt? Ab welchem Zeitpunkt münden ein persönliches „Nehmen“ und die anschließende „Abgabe des Genommenen“ in einen Akt des „il/legalen Umverteilens“? Geht es dabei immer um Dinge? Wer gibt Ideen? Wer nimmt sie? Wer „gibt“ Freude? Wer nimmt sie? Wer „gibt“ Angst? Wer nimmt sie? Diese Fragen wurden im Zuge des Projekts weder beantwortet noch direkt abgearbeitet – sie standen im Raum und schwebten somit kontinuierlich am Rande der Aktionsräume als Assoziationsvorlagen entlang.

Daraus fügte sich ein collagenhaftes Filmset von 12 Szenen zusammen. Die gesamte Reihe der performativen Interventionen war Teil einer kinematografischen Inszenierung. Alle TeilnehmerInnen aus dem Publikum agierten dabei als Akteurinnen/Akteure und UnterstützerInnen für anfallende/ausgewählte Aufgaben.

Beteiligte
6 KünstlerInnenteams
6 KunstgastgeberInnenteams
1 Kameramann
1 Tonmann
1 Gitarrenspieler
6 Assistentinnen/Assistenten
1 Trompetenspieler
1 Regisseur
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ca. 40 Personen in der Produktion
dazu: Publikum in variierender Anzahl (mind. 25)
insgesamt ca. 65 Akteurinnen/Akteure pro Tour

1. Szene (Außen)
In einer Wiener Wohnhausanlage (Am Schöpfwerk) stehen zwischen einer Kirche und einem mehrstöckigen Gebäude unter einem Baum eine Stehleiter (grün) und ein mit unterschiedlichsten Dingen befüllter Einkaufswagen. Zwischen dem Baum und dem gegenüberliegenden Gebäude ist eine einfache Materialseilbahn gespannt. Auf der Leiter steht eine in einem Affenkostüm verkleidete Protagonistin und befüllt einen Kübel mit Dingen aus dem Einkaufswagen. Eine Kinderschar umringt den Baum.

2. Szene (Außen)
Das Publikum steht in Sichtweite des Materialseilbahnbaums und folgt via Megafon den einführenden Worten des Regisseurs über eine bevorstehende Raumintervention. Im Hintergrund bewegt sich der Kübel langsam in Richtung einer Terrasse. Der in Schwarz gekleidete Protagonist mit Trompete bittet das Publikum, ihm in einer Schlangenformation zu folgen. An das Publikum werden Masken verteilt.

3. Szene (Außen)
Trommeln sind zu hören. Das Publikum nimmt um den auf einer Wiese sitzenden Protagonisten Platz und beginnt einem Märchen zuzuhören. Am Ende der Geschichte singt der trommelnde Protagonist ein Lied, und das Publikum zieht in Schlangenformation ohne Masken weiter. In unmittelbarer Nähe improvisiert ein Gitarrenspieler zum Ereignis.

4. Szene (Außen)
Das Publikum begibt sich in einen Raum unter einer Kirche, der als Gemeinschaftsraum fungiert.

5. Szene (Innen)
Im Gemeinschaftsraum sitzen einander jeweils durch eine niedrige Glaswand getrennt sechs Polizistinnen/Polizisten und sechs Akteurinnen/Akteure an kleinen Tischen gegenüber. Die Inhalte von Handtaschen und persönliche Gegenstände der jeweiligen Tischnachbarinnen/Tischnachbarn sind auf den Tischen aufgereiht und bieten Gesprächsstoff. An der linken Seite fertigt eine Akteurin Formen aus Aspik an. Einbrecherwerkzeuge sind zur Schau gestellt, und auf einer antiquierten elektronischen Tafel sind Informationen über Johannes Breitwieser, dem um 1910 tätigen „Robin Hood“ aus Meidling, zu lesen. Auf der vom Eingang aus gesehen rechten Seite liegen Matten am Boden. Darauf steht ein Akteur mit Schaumstoffschutzanzug und lässt sich von Polizistinnen/Polizisten, Kindern aus dem Publikum oder anderen Teilnehmenden attackieren. Das Publikum kann sich frei im Raum bewegen und den Dialogen zuhören bzw. das Szenario beobachten.

6. Szene (Außen)
Nach ca. 20 Minuten leitet der Regisseur das Publikum aus dem Raum und übergibt es dem Trompetenspieler. Dieser führt das Publikum in ein Nachbarschaftszentrum. Das Publikum bekommt die Handlungsanweisung: „Schneller!“

7. Szene (Innen)
Zwei Protagonisten halten das in die Räumlichkeiten drängende Publikum auf und üben ein Mantra. Daraufhin strömt das Publikum in einen weiteren Raum, der mit Licht und Ton bespielt wird. Vier bis sechs Akteurinnen/Akteure spannen ein Fischernetz aus, und das Publikum wirft mit den dafür vorher ausgeteilten Sternen umher. Dabei wird das zuvor einstudierte Mantra aufgesagt. Eine Kyūdō-Schützin und ein Kyūdō-Schütze tanzen Tango. Der Mann mit der Trompete bläst ein Signal zum Aufbruch.

8. Szene (Außen, Fortsetzung der 1. Szene)
Das Publikum folgt dem Mann mit der Trompete über ein Stiegenhaus bis zu einer Terrasse, an der die Materialseilbahn (von Szene 1) endet. Das Publikum betritt die Terrasse und schwenkt unmittelbar nach rechts, bekommt eine Postkarte ausgehändigt und begibt sich anschließend – vorbei an einer ein Affenkostüm tragenden Protagonistin mit Luftballons in der Hand – zu einem zur Terrasse hin geöffneten Fenster. Neben dem Fenster werden von einer weiteren, in einem Affenkostüm agierenden Protagonistin Dinge von der Materialseilbahn entgegengenommen. Das Publikum zieht daran vorbei und übergibt diese Gegenstände einer aus ihrer Wohnung durch das geöffnete Fenster agierenden Protagonistin. Im Gegenzug werden die Postkarten des Publikums abgestempelt und abschließend an Luftballons (die von der Protagonistin im Affenkostüm ausgehändigt werden) in den Himmel versendet.

9. Szene (Innen)
Das Publikum folgt dem Signal des Trompetenmannes und verlässt die Terrasse in Schlangenformation. Die Formation bleibt vorerst im selben Stockwerk und wandert in ein überdimensionales Stiegenhaus. Kurz vor dem Betreten des Stiegenhauses heftet sich das Publikum an einen Faden – bis in das Erdgeschoß. Im zweiten Stock improvisiert im Verborgenen ein Gitarrenspieler zum Ereignis.

10. Szene (Außen)
Nach dem Verlassen des Stiegenhauses löst sich die Schlangenformation auf, und das Publikum versammelt sich um einen elektrischen Rollstuhl. (Es ist der Rollstuhl des Protagonisten dieser Szene, der selbst nicht in Erscheinung tritt.) Es werden rote Fahnen ausgeteilt. Der elektrische Rollstuhl setzt sich in Bewegung, und das Publikum folgt. In unregelmäßigen Abständen wird im Chor „El Lute” und „Viva El Lute” gerufen. Die Demonstration zieht über eine lange Gerade bis zu einem Vorplatz eines Hochhauses. Auf dem Vorplatz steht ein altes Ölfass, in dem ein offenes Feuer lodert. Eine Nebelmaschine umhüllt die Umgebung. Ein Teil des Publikums umstellt das Fass, der Rest verirrt sich im Nebel. Ein Video zeigt eine politische Rede des Protagonisten Aldor Ertl.

11. Szene (Innen)
Im Anschluss folgt das Publikum dem Trompetenmann vom Vorplatz über ein Stiegenhaus bis zu einem Gang im dritten Stock. Dort stellt sich das Publikum an, um in eine Wohnung eingelassen zu werden. Im selben Gang improvisiert ein Gitarrenspieler zum Ereignis. Einzeln betreten die das Publikum bildenden Personen die Wohnung. Die Protagonistin sitzt als lebender „Gibnachtsbaum“ aufgeputzt auf einer Leiter. Ein weiterer Protagonist in einem goldenen Anzug fordert das Publikum auf, etwas zu geben. Gleichzeitig generieren drei Mäuse einen Klangteppich. Auf einem Monitor ist unter anderem der mexikanische Volksheld Chucho el Roto zu sehen. Einzelne Personen aus dem Publikum sitzen auf der Couch und tragen einen Pferdekopf. Andere sprechen oder singen einen vorgegebenen Text. Alle verlassen aufgefordert oder selbstbestimmt die Wohnung, sobald sie ihre „Gaben“ überreicht haben.

12. Szene (Abschluss)
Das Publikum verlässt die Wohnung und begibt sich selbständig aus dem Gebäude. Am Ausgang bietet der Protagonist aus der 3. Szene selbstgemachten Ananaswein an. Ein Gästebuch liegt auf. Schlussklappe.

Text: Gerald Straub

Ort

Am Schöpfwerk, 1120 Wien

Weiterführende Info

Beteiligte KünstlerInnen
hoelb/hoeb
Barbara Hölbling, *1970 in Hall in Tirol (AT), lebt und arbeitet in Wien.
Mario Höber, *1974 in Feldbach (AT), lebt und arbeitet in Wien.
Barbara Hölbling und Mario Höber arbeiten seit 2000 unter dem Namen hoelb/hoeb zusammen.

Andrea Maurer
* 1978 in Salzburg (AT), lebt und arbeitet in Wien.
studio-5.at

Matthias Meinharter
* 1971 Wien, lebt und arbeitet in Wien.
meinharter.net

notfoundyet
Laia Fabre, *1978 in Barcelona (ESP), lebt und arbeitet in Wien.
Thomas Kasebacher, *1974 in Innsbruck (AT), lebt und arbeitet in Wien.
Laia Fabre und Thomas Kasebacher verwirklichen seit 2007 unter dem Label „notfoundyet“ verschiedene Projekte.
notfoundyet.net

Frans Poelstra
* 1954 Amsterdam (NL), lebt und arbeitet in Wien.

Martin Putz
* 1967 Wien, lebt und arbeitet in Wien.
martinputz.com

Schule für Dichtung (Camillo Antonio und UrbanNomadMixes)
UrbanNomadMixes (UNM) für die schule für dichtung in wien
Performing Artists: Camilo Antonio, Layla Dulíková, Sa_Hara Paar, Ion Neculai, Alina Serban, Philipp Teister, Ines Topi
Media Voice (Roma) Film Team: Madlen Hermanová, Filip Horváth, Matej Kalian, Vera Lackova
Die schule für dichtung in wien (sfd) wurde 1991 als unabhängiges Künstlerprojekt gegründet und organisiert seit 1992 neben analogen und digitalen Klassen auch Symposien, Konzerte, Lesungen, Performances, Diskussionen, Round-Table-Gespräche, Vorträge, Ausstellungen etc. in Österreich und international.
sfd.at

Kurator
Gerald Straub

Partners
wohnpartner – Gemeinsam für eine gute Nachbarschaft, Wiener Wohnen

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Kunstgastgeber Gemeindebau. Am Schöpfwerkmehrere KünstlerInnen

Zeitraum

29. September – 15. Oktober 2015

U6 Am Schöpfwerk

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