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Temporär

IN THE STILL OF THE NIGHTmehrere KünstlerInnen

IN THE STILL OF THE NIGHT

Wer darf den öffentlichen Raum nutzen? Wann, wie lange und zu welchem Zweck? Die Antworten auf diese Fragen sind einem Prozess der ständigen Verhandlung zwischen unterschiedlichen Gruppen und Interessen unterworfen und führen zu Reglementierungen und Aufteilungen. Der öffentliche Raum wird zu einem hart umkämpften Territorium. Das Viertel um den Esterházypark ist von Spannungsmomenten bestimmt, die sich aus der Aufteilung des Raums zwischen Konsum, Erholung, Freizeitgestaltung und Wohnen ergeben.

Für IN THE STILL OF THE NIGHT wurden KünstlerInnen eingeladen, für diesen spezifischen Raum Interventionen zu entwickeln und sich auf die vor Ort abgelagerten Geschichten einzulassen, diese sichtbar zu machen und ihre Relevanz für das Heute zu überprüfen. Auf unterschiedliche Weise nahmen die Projekte auf die ereignisreiche Geschichte des Ortes Bezug: von der Türkenbelagerung (Kirche Mariahilf) über die Zeit des Nationalsozialismus (Flakturm) und die Nutzung des Esterházyparks als Treffpunkt für Homosexuelle bis zur aktuellen Betreuung von Obdachlosen durch die Caritaseinrichtung „Gruft“. Sie wurden in verschiedenen Medien und Materialien umgesetzt und reichten von skulpturalen, installativen, partizipatorischen und performativen Interventionen bis hin zu Text- und Soundarbeiten.

Iris Andraschek/Hubert Lobnig
Gruft-Boutique
Seit über 20 Jahren beschäftigen sich Iris Andraschek und Hubert Lobnig mit Fragen des Zusammenlebens unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen. Für ihre soziale und architektonische Intervention Gruft-Boutique initiierten sie eine Zusammenarbeit mit der „Gruft“. Gemeinsam mit der dort tätigen kunstpädagogischen Gruppe wurden im Lauf des Sommers Workshops veranstaltet, in denen Altkleider künstlerisch umgestaltet und gegen eine Spende für die „Gruft“ an Interessierte weitergegeben wurden. An den Schauseiten der Boutique waren Texte einer mit den Benutzerinnen und Benutzern der „Gruft“ durchgeführten Befragung angebracht.

Anna Artaker
STIMMEN AUS DER GRUFT

Auf einer Parkbank im Esterházypark waren Anna Artakers Interviews mit Klientinnen und Klienten der Obdachlosenbetreuungsstätte „Gruft“ zu hören. Die Befragten erzählten von ihren Erfahrungen mit Obdachlosigkeit und davon, wie sie die Stadt und die Umgebung, in der die Gespräche stattfanden, nutzen. Aus den collageartig montierten Stimmen setzte sich die Perspektive der nicht zu den primären Adressaten der Mariahilfer Straße und der umliegenden sommerlichen Schanigärten Gehörenden auf ebendieses Viertel zusammen. Aus ihrer prekären Situation heraus beschrieben die Befragten Alternativen zur Nutzung des öffentlichen Raums jenseits von Konsumverhalten.

Franz Kapfer
Aviano

Franz Kapfer beschäftigt sich in seiner Serie von künstlerischen Arbeiten zur „Errettung des Christentums“ mit der Verquickung von Staat und Religion sowie dem wechselseitigen Verhältnis der Kulturen. Wie werden religiöse Symbole wie das Kreuz von unterschiedlichen Parteien vereinnahmt, und sind hier Kontinuitäten von der Türkenbelagerung über den Austrofaschismus bis zum heutigen Auftritt der Pegida zu beobachten? Der Kapuzinermönch Marco d’Aviano, der zur Zeit der 2. Türkenbelagerung apostolischer Delegat beim kaiserlichen Heer war, ist eine solche schablonenhafte Figur, an der sich im Rahmen des Projekts IN THE STILL OF THE NIGHT die Funktionalisierung von religiösen Symbolen in einem „Kampf der Kulturen“ zeigen ließ.

Johannes Porsch
Der nackte Soldat

Auf den Roman Der nackte Soldat von Belmen O Bezug nehmend, in dem die in einer Toilettenanlage im Esterházypark in den 1970er-Jahren aktive schwule Szene beschrieben wird, inszenierte Johannes Porsch an einem entlegenen Ort des Parks eine Spiegelwand mit malerischen Spuren geschütteter oder gespritzter Flüssigkeiten. In ihrem theatralischen Setting – Bühnenbild, Requisit, Akteur – führte die Installation im Duktus einer Poprevue die in der Spektakelgesellschaft verwendeten Mittel und Genres von Kunst im öffentlichen Raum vor, indem sie deren Funktionen – Monument des Gedenkens, Gartengestaltung, Wandmalerei – thematisierte.

Markus Proschek
The Elder thing

Was passiert, wenn der Bezug zum ursprünglichen Kontext eines Kunstwerks nicht mehr hergestellt werden kann? Sich auf die den Esterházypark dominierende nationalsozialistische Bausubstanz beziehend, präsentierte Markus Proschek in einer inszenierten Ausgrabungsstätte den fragmentarischen Abguss einer Skulptur des Nazi-Bildhauers Josef Thorak (1889–1952). Kaum verwies das Fragment, das wie irgendein beliebiges Relikt einer vergangenen Kultur wirkte, auf die Machtverhältnisse, unter denen es entstand. Das Erinnern gleitet in die Geschichte über – ein Prozess, der die soziale Funktion des „Niemals vergessen!“ als Mahnung an die Gesellschaft langsam unterhöhlt.

Toni Schmale
antenne

Toni Schmale bezog sich mit ihrer Skulptur antenne sowohl auf die ehemalige Funktion des Flakturms als Leitturm für die Weitergabe von Ortskoordinaten alliierter Flugzeuge als auch auf den Volksempfänger der Zeit des Nationalsozialismus, der als Propagandamittel zur Manipulation der Bevölkerung eingesetzt wurde. Wer sendet und empfängt welche Information zu welchem Zweck? Informationen werden je nach geografischem und politischem Ort, an dem man sich befindet, zensiert. Dass diese politische Strategie auch in Zeiten des Internets gültig bleibt, wurde durch dieses skulpturale Blowup ins Bild gesetzt.

Ort

Barnabitenviertel, Esterházypark, 1060 Wien

Weiterführende Info

KünstlerInnen
Iris Andraschek

* 1963 Horn (AT), lebt und arbeitet in Wien
irisandraschek.com

Hubert Lobnig
*1962 in Völkermarkt (AT), lebt und arbeitet in Wien.

Anna Artaker
* 1976 Wien, lebt und arbeitet in Wien.
anna-artaker.net

Franz Kapfer
* 1971 Fürstenfeld (AT), lebt und arbeitet in Wien.
franzkapfer.wordpress.com

Johannes Porsch
* 1970 Innsbruck (AT), lebt und arbeitet in Wien.

Markus Proschek
* 1981 Schwarzach im Pongau (AT), lebt und arbeitet in Berlin (DE) und Wien.
markusproschek.com

Toni Schmale
* 1976 Hamburg (DE), lebt und arbeitet in Wien.

Kuratorin
Hemma Schmutz

Partner
Kulturplattform Mariahilf

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Zeitraum

20. Juni – 12. Oktober 2015

U3 Neubaugasse, Bus 13A und 57A Haus des Meeres

Termine

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