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Temporär

Humiliation Clegg & Guttmann

Humiliation

Öffentliche Zurschaustellungen von Bestrafung arteten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in wahre Volksfeste aus. In aus heutiger Sicht grausamen Hinrichtungspraktiken konnten sich willkürliche Machtdemonstrationen der Souveräne sowie Wut, Mitleid oder sadistische Schaulust des Volkes entladen. Kleine Vergehen wurden mit öffentlicher Erniedrigung, den sogenannten Ehrenstrafen, geahndet. Je nach Vergehen drohten der Pranger oder etliche andere Züchtigungsinstrumente.

Daran erinnerte die temporäre Installation Humiliation des Künstlerduos Clegg & Guttmann, die sich vier Monate lang am Wiener Graben unweit der Pestsäule befand. Die Künstler hatten Schandkäfig, Schandmantel und Schandflöte in Metall und Holz gegenständlich nachgeformt und zu einer überlebensgroßen Skulptur von über fünf Metern Höhe asymmetrisch übereinander geschichtet.

Die Installation war auf einer Achse zur Pestsäule errichtet, an deren Stelle bis zum späten 17. Jahrhundert ein Schandkäfig stand. Dies war ein feiner Hinweis, dass Humiliation an geschichtliche Aspekte des Grabens erinnert. Allerdings gibt es bei Clegg & Guttmann immer eine äußere und eine innere Leseebene, eine Art Mikro- und Makrokosmos. Ungeachtet der von ihnen eingesetzten Medien — Fotografie, Skulptur, performative Komposition oder Video — und unterschiedlicher Werkgruppen wie Community Portraits, Recontextualised Portraits, Libraries, Cognitive Exercise oder Spontaneous Operas ist ihre grundlegende Methode, die wissenschaftliche Recherche mit der künstlerischen Handlung des Collagierens und der Synthese zu verbinden. Wissenschaftliche Informationen fließen in Werke ein, die sich über ihren Symbolwert erschließen lassen oder sich durch Partizipation zu sozialen Plastiken entwickeln. Der Mikrokosmos ist dabei die „Oberfläche“ des Werks, der Makrokosmos ist dessen „Inneres“. In diesem Sinne ist Humiliation keine Skulptur im klassischen Sinn. Vielmehr ist es eine diskursive Installation in Form einer skulpturalen Collage aus Versatzstücken eines historischen Strafvollzugs, der für eine gesellschaftliche Haltung verbunden mit dem Begriff der Öffentlichkeit steht.

Bestrafungen wurden in Europa als eine Folge der „großen Transformation der Jahre 1760 bis 1840“, wie Michel Foucault in „Überwachen und Strafe“ schreibt, erst im 19. Jahrhundert von der Öffentlichkeit in geschlossene Institutionen verlegt. Damit verschwanden auch die Ehrenstrafen. Clegg & Guttmann wiesen mit ihrer Installation auf jenen gesellschaftlichen Umbruch hin, der für das Denken der Aufklärung und für den Humanismus in der Moderne steht. Sie stellten fest, dass es sich bei dem Verschwinden von öffentlicher Bestrafung „um einen der wichtigsten Prozesse handelte, durch den sich die Moderne von früheren Zeiten absetzte“. Ausgehend von Foucaults Überlegungen thematisierten die Künstler mit Humiliation nicht nur die Entwicklung des Strafvollzugs als Spiegel sich wandelnder Herrschaftssysteme sowie deren Machtpraxen und Kontrollmechanismen. Sie warfen gleichzeitig auch die Frage auf, was diese Entwicklung für die aktuelle Form von Öffentlichkeit bedeutet und wie die Gesellschaft heute mit den Errungenschaften der sie konstituierenden Aufklärung umgeht. Was ist an die Stelle des einstmaligen öffentlichen Strafspektakels getreten? Etwa die Kunst im öffentlichen Raum? Letztendlich ist dies die dritte Ebene auf der Humiliation operiert: eine Analyse des Mediums Kunst im öffentlichen Raum.

Text: Cornelia Offergeld

Ort

Kunstplatz Graben, Höhe 21, 1010 Wien

Weiterführende Info

Künstler

Clegg & Guttman
ist ein Künslterduo bestehend aus

Michael Clegg
*1957 in Dublin (IE), lebt und arbeitet in Wien, Berlin (DE) und New York (US)

Martin Guttmann
*1957 in Jerusalem (IL), lebt und arbeitet in Wien, Berlin (DE) und New York (US)

Kurator
Heimo Zobernig

Werkangaben

Humiliation, 2012
Stahl und Holz
ca. 520 x 140 x 140 cm
(zusätzlich Sockel: 100 cm)

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Temporär

Humiliation Clegg & Guttmann

Zeitraum

29. Juli – 4. November 2012

Termine

Presse

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