URBAN SIGN LOCAL STRATEGIES CONTINUED
Sechs Positionen aktueller Kunst am Praterstern
Als Ort, der durch den Neubau des Bahnhofs Nord in den vergangenen fünf Jahren markante Transformationsprozesse durchlief und dessen Umbau nun in die Endphase geht, bildet der Wiener Praterstern eine Zeitschnittstelle, an der die Wahrnehmung urbaner Strukturen sich neu formieren. Das urbane Display, das uns die moderne westliche Stadt heute bietet, funktioniert tendenziell als kontrolliertes Playscape, als Bühne für Inszenierungen einer globalisierten Ikonografie und eines schnell konsumierbaren Instant Urbanismus. Öffentlicher Raum ist heute zwar frei zugänglich, allerdings nicht ohne Einschränkungen frei benutzbar. Die Verbindungen, Verschiebungen, Interferenzen und Bezüge zur urbanen Praxis im Stadtraum rund um den Wiener Praterstern sind der Ausgangspunkt der künstlerischen Projekte und kritischen Praxis von <URBAN SIGNS LOCAL STRATEGIES CONTINUED>.
Marita Fraser / Alex Lawler, Heavy Work (stack), Installation, 2009
Marita Frasers und Alex Lawlers Intervention Heavy Work (stack) im öffentlichen Raum basiert auf Materialien wie Absperrungen aus Beton mit denen urbane Domänen besetzt werden. Als vorgefundene Materialien im Stadtraum sind sie uns als multifunktionales Stadtmobiliar bekannt und werden vorwiegend an Straßenbaustellen wahrgenommen. Die KünstlerInnen regte diese Präsenz des Materials dazu an, es als Ausgangsmaterial für ein installatives Projekt zu verwenden und mit dem städtischen Mobiliar eine funktionale Verschiebung vorzunehmen. Die Beziehung ihrer formalen Simplizität und Einfachheit sowie ihrer tonnenschweren Präsenz und Größe wird durch künstlerische Eingriffe thematisiert und durch minimalistische, malerische Codierungen einer Neuanordnung unterzogen. Heavy Work (stack) ist ein Projekt, das durch die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Außenraum der Stadt und deren aktuellen Entwicklungen rund um den Praterstern entstanden ist.
Sonja Gangl, 1 : 2,35, Installation, 2009
Sonja Gangls künstlerische Technik beruht auf einer präzisen Medienanalyse einzelner Begehren erweckender Bildinhalte, in der das Minimieren von bildlicher Information bzw. die Zensur von Bildteilen ein Mehr an subjektiver Realität generiert. Schuss und Gegenschuss, das Selbst und das Andere, werden dadurch als psychosoziale Komponenten einer wirklichkeitsstiftenden Bildhaftigkeit mittels künstlerischem Verfahren ins Treffen geführt. Die Installation, die Sonja Gangl im Zusammenhang mit dem Projekt <URBAN SIGNS LOCAL STRATEGIES CONTINUED> am Wiener Praterstern als Kunst im öffentlichen Raum Projekt am Fluc realisiert, ist eine 2,81 x 6,60 m große Letterboxingarbeit. Die Letterboxingarbeiten basieren auf Sonja Gangls intensiver Beschäftigung mit Filmtheorie und der Funktion von Cinemascope-Balken, die das Filmverhältnis definieren und verschiedene Dimensionen gestalten. Sonja Gangl dazu: Der Begriff Letterboxing wird für Möglichkeiten in der Kodierung von Breitwand-Filmen verwendet. Es wird die Proportion beibehalten und das Bild soweit geschrumpft, bis die Bildbreite passend für einen 4:3 Fernseher ist. Oben und unten bleiben dann jedoch Bereiche ohne Bildinformationen übrig; das Bild erscheint wie durch einen Briefkastenschlitz betrachtet daher der Name Letterboxing. Was mich an dieser Methode für meine Arbeiten interessiert ist die Frage der noch möglichen Lesbarkeit und das Verstehen einer minimalen Bildinformation. Durch die Realisierung dieser großformatigen Arbeit am Außengebäude des Fluc, kann ich dieses Cinemascope-Verfahren im Seitenverhältnis 1:2,35 weiterentwickeln. Basierend auf bereits von mir ausgeführten fotografischen und filmischen Arbeiten zu diesem Thema wird hier stellvertretend für alle möglichen Abbildungen und Filmausschnitte nur ein schmaler Streifen mit weißem Licht zu sehen sein.
Nikolaus Gansterer, The Urban Alphabet, Installation, 2009
Nikolaus Gansteres Intention besteht darin, den urbanen Raum (Verkehrsknotenpunkt Praterstern Wien) mit einer eigenen Kartographie (Stadtpläne) in Form eines Urban Alphabets zu konfrontieren und dadurch das Phänomen einer stark vernetzten und urbanisierten Welt zu visualisieren. Aus Kartenmaterial urbaner Agglomerationen erstellt Nikolaus Gansterer eine Selektion von Stadt-Zeichen (Urban Characters) in alphabetischer Reihenfolge. Jedes abgebildete Zeichen ist ein Buchstabe eines fikitiven Alphabets und Ausdruck einer globalen Sprache. Durch die Präsentation in Form einer Wandtafel mitten im Stadtraum wird die Form des Erlernens und der Weitergabe von Wissen für PassantInnen im öffentlichen Raum zugänglich. Als Präsentationsort fiel die Wahl auf den Vorplatz vor dem Bahnhof Wien Nord, gegenüber dem Veranstaltungs- und Projektraum Fluc. Die neue Wandverschalung des Gleiskörpers mit seiner schwarzen Oberfläche erinnert an eine Schultafel und eignet sich perfekt durch Größe, Beschaffenheit und Sichtbarkeit für die Intervention The Urban Alphabet.
Christian Mayer, Versetzung der Welt, Intervention, 2009
Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts steht ein Modell der Erde direkt neben dem Planetarium Wien und im Schatten des Riesenrads. Diese Weltkugel, das größte Modell unseres Planeten das in Wien zu finden ist, hat sich über die Jahre nicht verändert. Drehbar auf einer Achse aufgestellt, wird es von Zeit zu Zeit von Passanten in Bewegung versetzt und von Kinderaugen bewundert. Doch über die Jahrzehnte hinweg und mit der zunehmenden Veränderung des "Würstlpraters" geriet die Weltkugel immer mehr ins Abseits. Ihr Anblick ist heute der eines in die Jahre gekommenen Relikts einer anderen Zeit, das nicht mehr ganz in die glitzernde und laute Umgebung zu passen scheint. Gedreht wird sie immer seltener... Für die Präsentation am Praterstern wird diese Weltkugel nun temporär um nur wenige hundert Meter, mitten auf den neu gestalteten Bahnhofsplatz, versetzt. Zwei Monate lang wird sie nun im Mittelpunkt stehen und von tausenden Passanten wahrgenommen, bewegt oder ignoriert werden. Mit ihrer Anwesenheit verweist die Weltkugel im Kontext des neuen Standortes auch auf den Bahnhof als potentieller Start- und Endpunkt für jede Reise, als Ausdruck eines Begehrens nach der Welt und auf eine Geschichte des Praters, die im Kern immer wieder daraus bestand, die große weite Welt mittels verschiedenster Medien und Inszenierungen nach Wien zu holen.
Viktoria Tremmel / Andreas Strauss, TS 001 LUX, Installation, 2009
Der TS 001 LUX ist ein Tor, Durchgang, aber auch Automat. Ab Oktober wird das Objekt inmitten einer Baustelle am Bahnhof Praterstern platziert, wo es den wartenden, stehenden und gehenden Passanten als eine Art Lichtdusche dienen soll. Lichtquellen im inneren des Objekts strahlen durch einen möglichst dichten "Schnürlvorhang" nach außen und verleihen dem Objekt so eine geheimnisvolle Aura, die zum Erkunden und Durchschreiten anregen soll. Im Inneren werden spezielle Tageslichtlampen installiert, die auch therapeutisch gegen Depressionen eingesetzt werden. Der öffentliche Raum wird so zu einem Möglichkeitsraum umfunktioniert, der das alltägliche Treiben am Bahnhof für kurze Zeit ausblendet und vom Besucher - als minimalistisches Lichtobjekt betrachtet - als Positivum verwendet oder auch als Zeitmaschine benutzt werden kann. Im Laufe der Zeit wird die Baustelle nach und nach Verschwinden und das Objekt so langsam herausgeschält. (Christa Benzer)
Johannnes Vogl, O.T. (Lichtung), Intervention, 2009
Die Skulptur Lichtung von Johannes Vogl besteht aus einem achteckigen Tarnnetz, das wie ein Baldachin auf einer Wiese durch eine Konstruktion von Stahlstangen in ca. 8 Metern Höhe aufgespannt wird. Das Tarnnetz trägt jedoch nicht das typische Militärmuster, sondern besteht aus einer ca. 8 x 8 m großen schwarzen LKW Plane, in welcher - wie mit Pixeln - das Bild einer Lichtung vom Boden aus gesehen, gestanzt und geschnitten wurde. Betritt man nun den Bereich unterhalb des Baldachins, sieht man eine Lichtzeichnung im Himmel. Es erscheint, als betrete man eine Lichtung in einem dicht bewachsenen Wald; seitlich ist jedoch die Konstruktion dieser Illusion mit ihren Abspannungen zu sehen. Die achteckige Form der Skulptur bezieht sich sowohl auf den Grundriss von Nomadenjurten, als auch auf Kasettenmalereien von barocken Kirchenkuppeln. In dieser Konterkarierung lässt Johannes Vogl eine Oase im urbanen Getümmel entstehen, die durch ihre Bezüge auf Tarnung und Camouflage auf die Risiken zunehmender Anonymisierung anspielt. Als "Augmented Space" ("erweiterten" oder "verdichteten Raum") bezeichnete der russische Medientheoretiker Lev Manovich den uns umgebenden Realraum, der zunehmend mit digitalen Informationen angereichert und durchsetzt ist. Mobile Kommunikationsgeräte ermöglichen es uns, gleichzeitig in realen und in digitalen Datenräumen in Echtzeit präsent zu ein. Wie verändern diese Technologien, mit denen wir uns (fast) jederzeit und überall in Datenströme einloggen können, unsere Wahrnehmung der urbanen Räume und unser Verhalten?
Orte: fluc, Praterstern, Bhf. Vorplatz West u. Ost, Venediger Au, 1020 Wien
Eröffnung: 1. Oktober 2009, 19 Uhr, Fluc, Praterstern 5, 1020 Wien
Präsentation: 2. Oktober bis 1. Dezember 2009